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An meine schwangeren Schwestern

Meine Beiden,

ihr wisst, dass ich immer für euch da war und versucht habe, eure Träume zu erfüllen (oder dabei zu helfen), wo es nur ging. Und jetzt bekomme ich meinen Traum nicht und ihr könnt mir nicht dabei helfen.

Ich weiß, wir können darüber reden. Und ich weiß, dass ihr eure Probleme habt und nicht alles Glück und Liebe und Leichtigkeit bei euch ist. Ich weiß, es ist kein unangenehmes Thema für euch und ich weiß, dass wir darüber reden könnten. Über alles. Aber ich kann nicht darüber reden.

Ich fange an zu weinen, wenn ich erklären muss, was los ist. Ich fange an zu weinen, wenn jemand nachfragt. Ich fange an zu weinen, wenn sich jemand freut. Ich weine sehr oft in den letzten paar Jahren.

Ich will eines klarstellen: Ich freue mich so unendlich für euch und über euer neues Leben. Mein Herz ist nur gebrochen wegen mir und meinem alten Leben. Es ist so, so schwer meine Traurigkeit zu unterdrücken. Ich wünsche mir nicht euer Leben, das wäre nichts für mich. Ich wünsche mir nur Teile daraus.

Es ist für mich sehr schwer zu begreifen, dass Menschen tatsächlich unabsichtlich schwanger werden können. Ohne Nachdenken, ohne Nachrechnen, ohne Ovolutionstests oder ohne Becher und Spritze. Die meisten Menschen wissen einfach nicht, wie viele Dinge auf die richtige Art passieren müssen, damit tatsächlich ein Baby entsteht. Es ist so ein verdammtes Wunder.

Und eure Babys sind Wunder. Keines davon war geplant und ihr liebt sie so sehr und das ist ein weiteres Wunder. Eure Babys werden geliebt und gefeiert und umsorgt. Auch von mir. Und ich genieße jede Sekunde davon. Aber plötzlich überwältigt mich meine Traurigkeit und ich kann nicht mehr. Wenn E. mich ungeduldig „Mama“ nennt, weil ihm mein Name gerade nicht mehr einfällt. Oder wenn er müde wird und sich plötzlich vom Sessel in meine Arme wirft, im vollsten Vertrauen, dass ich ihn schon auffangen werde. Oder wenn plötzlich Ultraschallbilder geschickt werden. Oder auch wenn ganz nebenbei über Umstandskleidung geredet wird. Oder Kinderwägen. Dinge, die ich eben als nächste ausgeborgt hätte, aber jetzt doch noch nicht brauche.

Wurde euch schon mal so richtig das Herz gebrochen? Denn es bricht mir das Herz. Es fühlt sich so an, immer und immer wieder. Und es kommt immer so plötzlich, dass ich mich nicht darauf vorbereiten kann. Und ich weiß nicht, wie man dann mit mir reden kann. Weil grundsätzlich sind wir doch Schwestern. Wir können doch immer über alles reden, wir halten doch immer zusammen. Und ich hasse euch doch nicht. Könnte ich doch nie. Aber vielleicht schaut es von außen manchmal so aus. Ich weiß, dass ihr einfach nicht wisst, wie ihr mit mir reden sollt. Und dann entsteht so ein komisches Loch. Das Loch kriecht in unsere Beziehung und breitet sich aus. Und ich weiß einfach nicht mehr, wie ich es noch stopfen soll, denn ich habe keine Kraft mehr. Ich weiß, dass mich keine von euch absichtlich verletzen will, und ihr könnt doch nicht aufhören, Dinge zu sagen, von denen ich nicht mal weiß, dass sie mich verletzten könnten. Also müssen wir das gemeinsam herausfinden.

Wenn mein Leben anders gelaufen wäre, hätte ich vielleicht schon ganz früh Mutter werden können, vielleicht zu früh und vielleicht hätte ich mich dann später geärgert. (Aber das kann ich mir wirklich nicht vorstellen.)

Aber vielleicht hätte ich es so machen können, wie wir es immer gewöhnt waren: Ich mache die Dinge und erzähle euch dann, was passiert ist. Aber das geht jetzt nicht mehr. Ich war diesmal nicht die Erste. (Das beschäftigt mich auch.) Aber diese Angst, dass ich die Erfahrungen, die ihr macht, vielleicht niemals haben werde, die wird immer größer. Und eure Ankündigungen, immer dieses „Ich bin schwanger!“, das ist einfach nur die Ermahnung, dass ich es noch immer nicht bin. Dass ihr etwas dreimal schafft, in einer Zeit, in der ich es nicht ein einziges Mal schaffe. Und nochmal ein Unter-die-Nase-Reiben, dass dieses „Wann bin ich denn endlich dran, verdammt!!“ noch immer nicht JETZT ist. Also bleibe ich weg. Also wirke ich distanziert und traurig, sobald ich meine Gefühle nicht mehr unterdrücken kann. Oft unterdrücke ich sie doch, und das tut dann doppelt weh, weil alle denken: Es geht ihr eh gut. Alles ist okay.

Was ihr niemals vergessen dürft:

Eigentlich bin ich unglaublich erleichtert und froh, dass ihr so mutig seid, diese Babys zu bekommen, obwohl sie nicht gewollt oder geplant waren. So sehr es mir das Herz bricht, dass ihr bekommt, was ich seit einem Jahrzehnt will und nicht bekomme, es würde mich zerbrechen, wenn ihr euch gegen das Baby entscheiden würdet. Deshalb bin ich durch und durch froh, dass ihr euch entschieden habt, diese Babys zu bekommen.

Es ist keine Selbstverständlichkeit, eure Körper zwei Jahre mit einem fremden Wesen zu teilen und eurer restliches Leben lang eure eigenen Bedürfnisse hinter die des Babys zu stellen schon gar nicht. Ich weiß es zu schätzen. Ich weiß, was ihr schafft. Ich weiß, was eure Körper schaffen. Während ich euch mit den Entscheidungen völlig alleine lassen muss, bin ich immer für euch und eure Kinder da und ich glaube, das wisst ihr auch. Natürlich bin ich immer eure Schwester und natürlich bin ich die beste Tante, die eure Babys haben (gebt es zu).

Mutter zu werden fühlt sich für mich an manchen Tagen wie ein sehr unrealistischer Traum an. Ich wundere mich jeden Tag, warum es da draußen Mamas gibt, die nicht warten mussten. Die nicht einmal Mamas werden wollten. Dann gibt es Mamas wie euch, die einfach alle Pläne umkrempeln, weil das Abenteuer „Kind“ plötzlich ansteht. Ich sehe Glück , das ich gerne hätte. Ich sehe Kämpfe, die ich gerne hätte. Ich sehe, dass alles gut werden wird.

Obwohl ich weiß, dass alle Menschen ihre eigenen Wege gehen. Obwohl ich weiß, dass man niemals zwei Leben miteinander vergleichen kann, weil alle Menschen so verschieden sind. Ich weiß auch, dass ich die Hoffnung nie verlieren darf. Aber an manchen Tagen scheint die Hoffnung einfach so weit weg zu sein. An manchen Tagen weiß ich einfach nicht mehr, wofür ich dankbar sein soll. Aber natürlich bin ich immer für euch dankbar.

Also passt auf euch auf. Kümmert euch um die Kleinen.

Hab euch lieb,

die Wartende.

History Slam: Ulli Toth „St. Nikola, 1946“

Die ursprüngliche Idee des History Slam war es, eigene Familiengeschichten aufzuarbeiten. Je jünger man ist, desto lächerlicher erscheint einem das. Wie spannend ist es bitte, das ich zuerst einen Walkman hatte und dann einen Discman? Oder wie interessant ist es, zu wissen, dass ich stundenlang auf Busse gewartet habe, weil ich kein verdammtes Handy zur Verfügung hatte? Was hab ich denn schon erlebt?

Geschichte besteht aus so vielen kleinen Geschichten. Aus jedem Thema kann man etwas machen, wenn man weiß, wie.

Und dann gibt es natürlich die Familiengeschichten. Die Dinge, über die Großeltern und Urgroßeltern immer wieder geredet haben. Zuerst heimlich, dann immer öfter, denn die Zeit beginnt zu verschwimmen, immer stärker, je älter man wird.

Manche Geschichten waren nur damals schlimm und sind heute gut. Manchmal versteht man als Zuhörerin gar nicht, wieso das nicht einfach weiter erzählt wurde. Denn manchmal verstecken sich hinter verschwiegenen Leben Heldinnen.

Mehr Infos zu den Hintergründen findet ihr hier.

Frohe Ostern! (Wochenrückblick – KW 15 bis 12. April)

Frohe Ostern! Das ist das erste Mal, dass ich zu Ostern nicht zu Hause bin. Wir haben ein paar Traditionen, die wir jedes Jahr machen, am wichtigsten ist eigentlich das Essen.

Unser Schlemmfest beginnt am Gründonnerstag mit Spinat und Bufesen oder Pofesen oder wie auch immer ihr es schreiben wollt. Spinat ist dabei sehr wichtig! Wir waren so ziemlich die einzigen Kinder, die gerne Spinat gegessen haben – wahrscheinlich weil Mama gesagt hat, wir sollen Spinat einfach wie Ketchup verwenden. Wenig davon auf den Teller und dann eintauchen. Und dann braucht man immer mehr. Mittlerweile essen wir auch Spinat ohne alles.

Samstagabend folgt dann die Osterjause. Und es gibt noch ein paar Highlights, auf die ich jetzt nicht eingehen will, die aber großartig sind.

Jedenfalls kann ich nicht groß aufkochen, weil ich alleine bin. Ich habe weder das Geld noch die Lust, um tolle Sachen nur für mich alleine zu machen. Dazu ist es mir einfach nicht wichtig genug. Hier habe ich aber ein Video gemacht, während ich die Pofesen hinausbacke. Ihr könnt es ganz leicht nachmachen.

Meine Schwester hat mich Sonntagfrüh allerdings per Videotelefonie angerufen und ich konnte meinen Neffen und meine Eltern bei der Suche nach Süßigkeiten durch den ganzen Garten verfolgen. Wenn man erwachsene Kinder hat, können die nämlich abwechselnd verstecken und so kommen die Eltern auch zum Suchen! #guteidee

Die kleine Meerjungfrau von Trisha Radda + Video

Ich liebe Märchen. Die kleine Meerjungfrau mochte ich nicht. Also die Geschichte. Ich habe als Kind den Schluss nicht verstanden. Ich wollte wissen, was eine Seele ist und mein Papa ist fast verzweifelt als er versucht hat, es mir zu erklären. Ich habe es einfach nicht verstanden.

Jedenfalls kann man ja später aus Märchen machen, was auch immer man will. Man kann sich die Liebesgeschichte raussuchen, oder die Mädels verarschen, die einem Typen hinterherrennen, der sie nicht wiedererkennt, weil sie letztes Mal eine Maske aufhatte. Was auch immer. Ich liebe ja die Sidekicks in den Disneyverfilmungen. Nur deshalb schaue ich die. Als ich acht war, habe ich den Aufbau einer Disneygeschichte verstanden gehabt- Gut, Böse, lustiger Depp, Musik. Als ich das meiner Mutter erklärte, hat sie ertappt dreingeschaut. Naja.

Hier habt ihr also meine Interpretation der kleinen Meerjungfrau. Der Text wurde in der Ö-Slam 2018-Anthologie abgedruckt, die ihr bei mir kaufen könnt.

Equal Pay Day

Das ist mein Leben. Das ist mein Körper. Das ist mein Gesicht. Das ist mein Wille. Das ist meine Stärke. Das ist mein Wissen. Aber das siehst du nicht.

Das ist mein Weg. Ich gehe, wohin ich will.
Ich suche. Ich verirre mich. Ich fall hin.
Und ich stehe wieder auf.
Und ich gehe weiter und ich lege mir eine Rüstung an.

Eine Rüstung gegen alle, die nur meinen Körper kennen wollen.
Eine Rüstung gegen alle, die mich zu Boden werfen wollen.
Eine Rüstung gegen alle, die mich kleiner machen wollen, um selbst größer zu erscheinen.
Eine Rüstung gegen alle, die Dinge sagen, die ich nicht hören will.
Eine Rüstung gegen alle, die Dinge tun, die ich nicht spüren will.
Und mit dieser Rüstung gehe ich weiter. Jeden Tag.

Und mit jedem Experience Point kommt ein neues Item dazu, mit jedem Aufstieg in ein neues Level wird meine Welt weiter und größer und manchmal stockts und dann spinnt die Graphik ein bissl und das lenkt mich ab. Und dann kommen einzelne Pfeile durch meine Rüstung und klauen mir Leben. Mein Leben, das ich mir so sorgsam aufgebaut hab. Dann hör ich Dinge, die niemand sagen sollte. Niemand hätte sie jemals denken sollen. Das war in meiner Welt nicht vorgesehen und ich höre Dinge, die ich niemals hören wollte. Wie zum Beispiel:

„Ja, aber du bist Künstlerin, du kannst ja machen, was du willst! Du entscheidest dich ja gegen das Geld!“ oder

„Ja, aber Kinderbetreuerinnen sind schon immer unterbezahlt! Ihr regts euch aber auch nie auf!“

oder: „Dei Stimme mog i ned, aba die Gfriss gfallt ma!“

oder: „Aber du als Feministin kannst ja wohl nicht bei deinen Kindern Zuhause bleiben wollen!“

Dann erklär mir mal, Arschloch, was so schlimm daran wär, wenn Kinderbetreuung fair bezahlt werden würde? Fehlt dann das Geld für die Autobahnen? Oder die Ganztagsschulen? Oder für deine sechste Limosine? Und wenn wir schon mal bei deinem Lifestyle sind, hab ich eine Frage für dich: Darf man Menschen, die weniger als zwei Stunden pro Tag mit ihren Kindern verbringen, überhaupt noch Eltern nennen? Und hast du „Elternteil“ daran gedacht, dass bei all deinen Terminen und Hetzen und Ignorieren und Weglaufen vor deinen eigenen Kindern du aus deinen Kindern auch Arschlochmenschen machst? Aber keine Angst!

Denn dann greifen wir ja ein. Die Legionen von Gutmenschen, die sich scheren, um die Dinge, die du verbockst. Wir sind ja da. Wir fangen auf, wir bessern aus, wir trösten, wir erlösen, wir trocknen Tränen, wir stillen Sehnsüchte. Wir lieben die, die ihr vergessen habt zu lieben. Auch wenns manchmal schwerfällt, denn – deine vernachlässigten Fratzen sind echt nicht liebenswert. Die brauchen extra viele Kuscheleinheiten zum Ausgleich. Sie gieren nach Aufmerksamkeit und du ignorierst, dass es sie überhaupt gibt.

Und jetzt findest du als Experte also, dass Mütter nicht zuhause bleiben sollen, wegen der Statistik. Du findest im Ernst, dass ich als Feministin meine Kinder weggeben soll zu unterbezahlten, unterqualifizierten Menschen, die ihrerseits wieder ihre Kinder weggeben mussten zu unterbezahlten, unterqualifizierten Menschen, damit sie Zeit genug für meine Kinder haben. Das ist deine Logik. Das ist dein toller Wirtschaftsplan?

Es geht nicht darum, dass Frauen schneller wieder in ihren Job einsteigen. Es geht darum, dass sich 2 Erwachsene mit 3 Kindern das Leben nur mit 4 Jobs leisten können. Das ist dein Denkfehler.

Ja, ich will fair dafür bezahlt werden, dass ich mich um Kinder kümmere. Sogar, wenn es nicht meine eigenen sind. Selber machst du das ja nicht.

Aber es muss meine Entscheidung sein. Denn das ist mein Leben. Das ist mein Körper. Das ist mein Gesicht. Das ist mein Wille. Das ist meine Stärke. Das ist mein Wissen. Aber das siehst du nicht.

Und da gibt’s besondere Menschen. Die dürfen mich kleiner machen als ich bin. Die dürfen mich so klein machen, dass sie sich auf mich stützen können. Und die unterstütz ich gern. Dafür bin ich da. Da fühl ich mich nicht eingeschränkt, da fühl ich mich nicht ausgenutzt, da fühl ich mich dafür verwendet, wozu ich geboren wurde.

Denn das ist mein Weg. Ich gehe, wohin ich will. Ich suche. Ich verirre mich. Ich fall hin.

Und ich stehe wieder auf.

Hast du deine Gebete gesprochen, mein Kind?

schutzengelSchlafengeh-Rituale.

Betet ihr? Darf man das noch fragen? Ist Religion privat? Und wenn man religiös ist, heißt das dann: dass man an Gott glaubt oder dass man in die Kirche geht oder das man jeden Tag betet oder was? Was heißt das?

Meine Eltern haben nie gesagt: „Zähne putzen, umziehen, beten, schlafen gehen!“ Dabei entwickelten sich während der Schlafengehzeit einige der wichtigsten Rituale unserer Kindheit. Es gab eine Zeit, in der wir jeden Abend baden gingen. Wahrscheinlich weil wir  immer draußen waren und immer schmutzig. Auf jeden Fall war die Reihenfolge baden gehen, Zähne putzen, Geschichte vorlesen, Schlafen gehen. Manchmal sang der Papa uns noch ein Schlaflied. Er singt gerne. Denn Kinder schlafen legen  war eindeutig Papas Verantwortung. Aufwecken übrigens auch.

Wenn jemand krank war, war das Einschlafen am schwersten. Und meine kleine Schwester war jahrelang krank. Also ist Papa Profi. Später, als wir älter wurden, haben wir selbst gelesen und Papa hat nur geschaut, dass wir irgendwann mal das Licht abdrehen. Als dann Die Ärzte in unser Leben traten, hörten wir uns vor dem Schlafengehen „Das Schlaflied“ an. Möglicherweise war das gemein von mir. Möglicherweise hatte meine kleine Schwester deshalb noch sehr lange sehr große Angst vor Monstern. Hm.

Manchmal, wenn unsere Eltern nicht da waren (Theater? Kino? Elternabend?), passte unsere Omi auf uns auf. Da gab es dann ein wenig Abwechslung. (Man sollte meinen, mit vier (oder drei oder fünf, je nach Jahr) Kindern ist der Abend immer spannend, aber Schlafengehen ist eine Routinehandlung, alle Eltern wissen das.) Omi betete mit uns. Sie war nicht streng oder sehr religiös oder so. Sie schaute eben drauf, dass Gott uns beschützte. Was ja nicht schaden kann. Sie schickt uns auch immer Schutzengel mit. Das ist auch praktisch.

Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt

Diese doch recht beunruhigende Zeile eines traditionellen Schlafliedes hat mich irgendwann gestört. Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich war, aber irgendwann hat es mich gerissen und ich dachte: „Wenn Gott will? Was, wenn er nicht will?“ Seitdem beschäftigen mich Begriffe wie Gott und Schicksal und die ganze „Der Mensch muss doch Entscheidungen treffen können“ (Filmtipp: Matrix 1&2)-Sache enorm.

Ich gehe einmal im Jahr in die Kirche. Ich glaube an Gott, aber ich bin überzeugt davon, dass wir ihm egal sind. Ich stelle mir Gott wie einen Künstler vor: Er hat die Welt geschaffen, die Evolution gestartet und teilweise weiß er jetzt nicht mehr, was er mit uns machen soll. Teilweise ist es ihm egal, weil er sich gerade in einer schöpferischen Krise befindet. Teilweise vergisst er einfach auf uns. An manchen Tagen beobachtet er uns und wartet ab. Und manchmal, ganz selten, verändert er etwas. Typisch Künstler halt.

In schlechten Zeiten betet man mehr. Da könnt ihr jeden fragen. „Ach, Gott, hilf!“ – ist schon ein Gebet. Meine Mutter hat in den letzten Jahren eine nette Angewohnheit entwickelt. Sie dankt. Jedes Mal, wenn wir uns auf der Terrasse in die Sonne setzen, sagt sie: „Mein Gott, gehts uns gut!“ Das finde ich besser. Auch wenn ich überzeugt bin, dass Gott uns nicht hören kann.

Allgemein ist es besser für den Gesundheitszustand, sich zu freuen als zu jammern. Österreicher sind zwar meistens schlecht im Freuen, aber strengt euch doch mal an! Diese eine halbe Stunde zwischen Mittagessen und Weiterarbeiten, kann man doch wirklich genießen. Natürlich kann man auch sündige Dinge denken wie: „Maah, wer räumt denn jetzt den Tisch ab?“ Aber man kann eben auch dasitzen und sich freuen, dass man endlich mal dasitzen und sich freuen kann.

Viele Leute, ich nenne sie gerne arbeitswütige Volltrottel, nehmen sich gar nicht die Zeit dazu. Freut euch! Ihr habt gerade was gegessen! Ihr lebt in einem Land, wo ihr nicht 15 Stunden am Stück arbeiten müsst! Also freut euch!

Na los!

Geht sofort raus und freut euch!

Aber ich seh schon: Ihr bleibt sitzen.

Weil es draußen regnet, stimmts?

Ihr Weicheier.

Nehmt eine Jacke und geht raus und freut euch!

Jetzt aber.

Na bitte.

Meine beiden Socken

2016-04-14 12.20.08
verschiedene Socken fördern die Kommunikation

Ich habe immer zwei verschiedene Socken an. Das liegt nicht daran, dass immer einer kaputt ist, es liegt einfach nur an meiner Faulheit. Also wenn ein Socken kaputt wäre, würde ich es vermutlich nicht bemerken, denn ich hab ja immer zwei verschiedene Socken an. Es begann damit, dass mir Leute Socken schenkten. Bunte Socken. Also, schon einfärbig, zwei rote Socken, zwei gelbe Socken, zwei blaue Socken und so weiter. Und mir war das natürlich immer zu blöd, zwei gleichfarbige Socken am Wäscheständer zu suchen. Wenn ich bei Freunden eingeladen bin, und mich alle zum ersten Mal unbeschuht sehen, bieten meine Socken jedes Mal ein Gesprächsthema. Ich meine, überlegt, wie lächerlich.

Meine Socken sind ein Thema.

Ich bekomme dann ganz viele Tipps. Wie zum Beispiel: Du kannst ja nur noch schwarze Socken kaufen. Ja. Aber dann habe ich noch immer bunte Socken zu Hause, die ich nicht wegwerfen werde. Weil: Kleidung wirft man nicht weg. Man trägt sie am Körper und wäscht sie und trägt sie am Körper und wäscht sie und trägt sie am Körper bis sie kaputt wird. Dann wirft man sie weg. Ein nächster Tipp ist, ich solle beim Wäscheaufhängen, die gleichfarbigen Socken schon nebeneinander hinhängen. Daraufhin wird das Gesprächsthema ausgeweitet auf meine Sockenaufbewahrungsbox. Denn ich werfe meine Socken vom Wäscheständer direkt in den Karton von meinem uralten CD-Player. Die einzelnen Socken. Da schlagen die braven Hausfrauen dann aber die Hände vorm Kopf zusammen. Oje. In dem Karton ist es schlichtweg unmöglich, gleiche Socken zu finden, falls man einmal auf die Idee kommen sollte. Die ersten Menschen, die mich wegen meiner Socken ansprechen, sind aber nicht Freunde von Freunden, nein, es sind meine Kinder. Also, natürlich nicht meine Kinder, ich hab ja noch keine, aber ich bin Kindermädchen, Babysitterin und fast-Lehrerin. Und das heißt, dass früher oder später ein – meist kleines – Kind auf mich zuläuft und völlig perplex meine verschiedenfarbigen Füße anstarrt. Ich hatte auch eine wunderbare Aussprache mit einer Mutter darüber.

Sie erzählte mir unter Lachanfällen, dass ihr Kind darauf bestanden hätte, zwei verschiedenfarbige Socken anzuziehen. Mit der Begründung, dass sie jetzt Vater, Mutter, Kind spielen, und sie müsse die Patricia spielen. Hach!

„Zukunfts-Kinder“ von Patricia Radda

Ein gellender Schrei dringt durch die Stadt

Wer hat das mit den Kindern gemacht?

Ich hab eins gesehen gleich hier

Unter freiem Himmel, wild wie ein Tier

Es lief mit seinen eigenen Beinen

Legt dieses Kind doch an die Leinen

Es bewegt sich völlig frei

Holt doch endlich Hilfe herbei!

Da! Oh Gott, jetzt kommen noch mehr

Schaut doch, grad waren die Straßen noch leer!

Ich kanns nicht verstehen

Wie kann denn das gehen?

Und Lärm machen sie, vorher wars leis!

Aber hab ich nicht hier auf Schwarz und Weiß

Dass ein jeder Fratz bleibt auf seinem Platz?

Ja, so war es vorhergesagt:

Kein Erwachsener wird mehr mit Kindern geplagt

Sobald jedes einen Computer hat

Haben wir etwa was übersehen

Nein, also so kanns nicht weitergehen

Da! Endlich kommt der Polizist,

der wird uns sagen was Sache ist

 

Was ist los, was geht hier vor

Seht doch, die Sitzbank- mit Kindern davor!

Keine Sorge, das ist nicht das erste Mal

Denkt nur vor Jahren der Stromausfall!

Wir müssen nur fragen, was sie hier wollen

Dann werden sie schon aufhören zum Tollen

Keine Panik, alles wird wieder normal

Aber ich gebe zu, ein ungewöhnlicher Fall!

 

Dann schlängeln sich die Ordnungshüter

Durch die aufgebrachten Gemüter

Und stehen schließlich ratlos da

Auf einer Steinbank sitzt eine Frau

Und vor ihr machen die Kinder Radau

Sie springen und lachen, schubsen und klatschen

um die Seifenblasen zu zerplatschen

Und da kitzelt eine Blase

Den Polizisten an der Nase

Die Kinder beginnen zu lachen

Weil sie wissen: Jeder darf mitmachen

 

Was tun sie hier? Was soll das werden?

Reagiert der Polizist auf die Beschwerden

Die Frau sagt: Ich hab doch gar nichts gemacht

Er sagt: Aber die Kinder haben gelacht!

Sie sagt: Naja das ist schon öfter passiert!

Wenn ma sie auf Bewegung trainiert

Nein, sagt er, so kanns nicht gehen

Wollen sie denn nicht verstehen

Kinder sollen an ihren Plätzen bleiben

Sonst hat die Bevölkerung zu leiden

Sie sollen schweigen und still halten

So kann man sie viel leichter verwalten!

 

Es ist wichtig für die Sicherheit

Dass ihr Kinder drinnen seid

Dort lernt ihr alles, was ihr braucht

Bis euer kleines Köpfchen raucht

Bringt niemanden in Gefahr

Und seid immer da

Wo man euch zurückgelassen

So seid ihr auch viel leichter zu fassen

Wenn man euch doch mal in der Nähe haben will

Steht ihr fürs Weihnachtsfoto still

So wie es sich gehört für gute Kinder

Jetzt steht nicht da und glotzt wie Rinder

Ihr sollt doch nach Hause gehen

Und weiter fernsehen

Wollt ihr die Zukunft sabotieren

Wird was Schlimmeres passieren

Schon seit Urzeiten wurde vorausgesagt:

Es kann viel verlieren, wer viel wagt

Drum hört doch auf mit diesen Witzen

Und bleibt brav auf euren Hintern sitzen

 

Wenn ein Kind das Lachen lernt

Ist das Weinen nicht weit entfernt

Niemand will sich kümmern um Kinder

Die nicht gewöhnt ans Kinderzimmer

Die haben freie Emotionen

Das wird sich einfach nicht lohnen

Da musst du dich um sie sorgen

Ihnen deine Aufmerksamkeit borgen

Aber so fängts erst an

Denn irgendwann

Musst du dann

Die Sachen machen

Die ein Computer viel besser kann.

trösten und ablenken   Langeweile senken   Unterhalten Verwalten

lehren wie man schreibt und liest, Wecker setzen, damit man nichts vergisst

Nachrichten vergleichen und analysieren, Medikamente dosieren gegen Viren.

Nein, mit einem beweglichen Kind hat man nur Scherereien

Und so sollten Kinder nun wirklich nicht sein!

 

Die Kinder stehen zwischen Polizist und Frau

Und überlegen es sich ganz genau.

Sie denken an ihre Computerspiele

Und davon gibt’s so unendlich viele.

Sie denken an das gewohnte zuhaus

Und wissen: Das Leben einer Seifenblase ist doch gleich wieder aus.

Und beschließen feierlich an diesem Tag

So viele Seifenblasen zu machen wie man nur mag.

 

 

geschrieben 22.10.2015 (Boat of Hope Klagenfurt, Brückenslam)

„Unsere Kinder“ von Patricia Radda

Unsere Kinder werden nicht mehr zu Musik tanzen

Sie weichen nur noch den Gewehrkugeln aus

Unsere Kinder werden nicht mehr singen

Sie schreien nur noch aus Angst

Unsere Kinder werden nicht mehr Klavier spielen lernen

sie hauen nur noch auf Computertasten ein

Deshalb singe ich jetzt

tanze ich jetzt

spiele ich jetzt am Klavier

damit dieses riesige dunkle Loch

mich nicht einfach verschlingt

Unsere Kinder werden nicht mehr lesen können

Sie bekommen von einer Maschine vorgelesen

Unsere Kinder werden nicht mehr schreiben lernen

Sie diktieren alles dem Computer

Unsere Kinder werden keine Geschichten mehr kennen

Sie haben niemanden der sich Zeit nimmt, um sie zu erzählen

Deshalb lese ich jetzt niemals laut

deshalb schreibe ich jetzt

und erfinde Geschichten

damit dieses riesige dunkle Loch

euch nicht einfach so verschlingt