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Das Recht der Entscheidung

Falls ihr kein Video anschauen wollt, unten ist der (mehr oder weniger) genaue Wortlaut.

Ich werde jetzt über ein Thema sprechen und schreiben, das mich emotional sehr aufregt. Euch auch? Dann überlegt zweimal, was ihr drunterkommentiert. Danke.

Und hier ist das verkürzte Video, das „nur“ die Geschichte von Abtreibung in den USA bearbeitet:

Legale Schwangerschaftsabbrüche – eine Geschichte mit ein paar vielen emotionalen Ausflügen.

Weil dieses Thema sehr emotional für die meisten ist, ganz besonders für mich, möchte ich anfangen mit etwas Persönlichem.
Ich wollte viele Kinder haben seit ich 13 Jahre alt war. Ich hab noch immer keine, ich versuche aktiv schwanger zu werden seit ca 5 Jahren. Und wie gesagt, ich hab noch immer keine Kinder. Für mich war es immer ein Rätsel, wie es sein kann, das man ungeplant schwanger wird. Mein Körper hat immer so genau nach dem Kalender, oder nach der Uhrzeit sogar funktioniert, dass ich immer genau wusste, wann bekomme ich meine Tage, wann habe ich meine fruchtbare Phase und wann habe ich meinen Eisprung. Alles was ich mache, ist mit Ovulationstests nachzuprüfen, ob es eh noch so ist, wie in den letzten 20 Jahren. Dadurch, dass ich aber immer Kinder wollte, hab ich mich auch nie so richtig mit Verhütung beschäftigt. Das heißt, ich habe einfach nicht gewusst, dass das bei den meisten Frauen nicht so regelmäßig ist. Ich habe nicht gewusst, wenn Frauen hormonell verhüten, dass es völlig normal ist, wenn sie nur ganz leicht, oder monatelang gar nicht menstruieren. Ich wusste es einfach nicht. Aber ich lerne ja gern dazu.
Kommen wir nochmal zu meiner Meinung, die ich euch natürlich gleich am Anfang erzähle, bevor die eigentliche Geschichtsstunde losgeht.

Erstens: Kinder sind zu wertvoll, um sie Idiot:innen anzuvertrauen

Ich will Kinder, ich liebe Kinder, und gerade deshalb ist es für mich völlig klar, dass nicht jede Frau Kinder haben sollte. Ganz im Gegenteil. Kinder sind zu wertvoll. Kinder sollten geliebt werden, unterstützt, gefördert und nicht ausgehalten oder nur geduldet werden. Sie sind auf dieser Welt, nicht weil sie das wollten, sondern weil wir das wollten. Deshalb muss es eine freie Entscheidung sein. Es muss eine bewusste Entscheidung sein. Und ich würde sogar soweit gehen, zu sagen: es muss eine Entscheidung aus Liebe sein und nicht aus Verzweiflung. Aus Liebe zu dir selbst oder als Liebe zu dem Kind oder aus Liebe zum Leben. Natürlich weiß ich auch, das manche Leute zu wenig über Verhütung wissen, manche Leute Leben nicht schätzen oder respektieren und Abtreibung eher verwenden wie die Pille danach. Und ja, in meinen Augen sind diese Leute einfach nur furchtbare Menschen, wenn sie keinen Respekt vor Leben haben, sollten sie auch kein Leben haben. Also ihr Eigenes auch nicht. Aber auch die blöde Kuh muss die Entscheidung trotzdem treffen dürfen. Weil ich nicht will, dass irgendein Kind mit so einer depperten Kuh als Mutter bestraft wird. Aber das ist wieder nur meine emotionale Meinung.

Zweitens: No uterus, no opinion

Du persönlich entscheidest, ob du ein Kind hast oder nicht. Es muss deine Entscheidung sein. Wenn ein Elternteil diese Entscheidung alleine trifft, ist das auch okay, solange es sich um ihren eigenen Körper handelt, der zehn Monate lang einen Menschen in sich wachsen lassen muss. Der Elternteil, der danach noch monatelang als wandelnde Fütterungsmaschine herumlaufen muss. Der Elternteil darf das völlig alleine entscheiden. Und das ist ja auch klar. Weil es um ihr weiteres Leben geht und um seines nur im Hintergrund. Ich möchte die Wichtigkeit von aktiven Vätern und Partnerinnen gar nicht schmälern. Aber trotzdem. Schwanger sein heißt: den eigenen Körper einer anderen Person für fast zwei Jahre mehr oder weniger bedingungslos zur Verfügung zu stellen. Volles Risiko zu tragen. Und dieses Risiko trägt die schwangere Person und sonst niemand. Natürlich müssen das alles ihre Entscheidungen sein.
No Uterus No opinion.
Und wenns nicht dein Uterus ist, zählt deine Meinung auch nicht, jedenfalls nicht so viel.

Situation in Österreich

Bevor wir detaillierter auf die USA eingehen, wollte ich noch kurz sagen, wie die Situation in Österreich derzeit ist. Ich hatte noch nie einen Schwangerschaftsabbruch, deshalb kann ich euch keine persönlichen Infos geben. Aber:
In Österreich ist ein Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich innerhalb der ersten drei Monate nach Beginn der Schwangerschaft nach einer Beratung durch eine Ärztin/einen Arzt möglich (sogenannte „Fristenlösung“). Also es ist erlaubt. Straffrei.

In gewissen Fällen ist ein Schwangerschaftsabbruch auch nach den ersten drei Schwangerschaftsmonaten durch eine Ärztin/einen Arzt möglich, und zwar

wenn eine ernste Gefahr für die seelische oder körperliche Gesundheit oder das Leben der Schwangeren besteht,
wenn eine schwere geistige oder körperliche Behinderung des Kindes zu erwarten ist,
wenn die Frau zum Zeitpunkt, als sie schwanger wurde, das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte.

Und da steht auch noch dabei:
Ärztinnen/Ärzte sind nicht verpflichtet, einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen oder an ihm mitzuwirken, außer wenn er notwendig ist, um die Schwangere aus einer unmittelbar drohenden Lebensgefahr zu retten. Das gilt auch für Pflegerinnen und so weiter.

Ab dem 14. Geburtstag können Jugendliche die Einwilligung für einen Schwangerschaftsabbruch selbst erteilen. Die Zustimmung einer/eines Erziehungsberechtigten ist grundsätzlich nicht notwendig. In manchen Spitälern wird sie allerdings aufgrund von Vorschriften in den jeweiligen Krankenanstaltsgesetzen der Länder verlangt. Auch wenn die Jugendliche die notwendige Einsichts- und Urteilsfähigkeit nicht hat, z.B. wegen einer geistigen Beeinträchtigung, ist die Zustimmung einer/eines Erziehungsberechtigten jedenfalls notwendig.

Vor dem 14. Geburtstag ist die Zustimmung einer/eines Erziehungsberechtigten zu einem Schwangerschaftsabbruch immer notwendig.

Kosten
Die Kosten für einen Schwangerschaftsabbruch werden nur dann von der Sozialversicherung übernommen, wenn der Abbruch aus medizinischen Gründen notwendig ist.
Die Kosten für einen Schwangerschaftsabbruch sind zwischen 300 und 800 Euro. Das ist schon eine Menge Geld.

Es gibt:
Familienberatungsstellen
Frauenberatungsstellen
Frauengesundheitszentren
Wo man sich ausführlich beraten lassen kann.

Und außer im Burgenland gibt es in jedem Bundesland mehrere Stellen, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen können. Ich weiß jetzt aber auch nicht, ob es notwendig wäre, mehr Stellen zur Verfügung zu stellen, oder ob das was es gibt, eh reicht.

In Österreich ist es noch immer eher ein Tabuthema. Viele Leute denken darüber nach und haben eine Meinung dazu, auch wenn sie die Erfahrungen selbst noch nicht gemacht haben. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass man Schwangerschaft „entromantisiert“ und Mutterschaft im Allgemeinen natürlich auch. Eine Mutter von einem Baby zu sein ist unglaublich anstrengend und unglaublich fad zugleich. Es ist schön und faszinierend, aber so kräftezehrend wie sonst fast nichts auf der Welt, und das dauert halt die ersten paar Jahre, bevor es besser wird. Von dem her: Passt auf euch auf. Sucht euch eure Partner:innen sehr gut aus. Schaut auf euch. Und trefft eure Entscheidung nicht aus einer Laune heraus oder weil man das jetzt halt macht oder weil der Druck von der Familie so groß ist. Trefft die Entscheidungen bewusst. Und wie gesagt aus Liebe. Zu euch und zum Kind.

Ab wann ist ein Mensch ein Mensch?

Eines der größten Probleme bei Abtreibung ist die Frage: Ab wann ist ein Mensch ein Mensch?
In Österreich und ich glaube auch in Deutschland zählt das Gewicht. Du bist rechtlich gesehen ein Mensch wenn du geboren bist und 500g wiegst. Wenn Babys zu früh geboren werden und unter 500g Wiegen, gibt es sie vor dem Gesetz nicht, man kann sie aber auf jeder Gemeinde eintragen lassen, man hat auch das Recht auf Bestattung. Aber das ist noch nicht lange so. Früher wurden Kinder unter 500g als Klinikmüll einfach mit dem restlichen Gewebe entsorgt. Wenn ihr Kind also zu „früh“ stirbt, hat eine Mutter kein Recht Sonderurlaub, wie sie es bei einem dreijährigen Kind hätte. Aber nach einer Fehlgeburt kann man in den Krankenstand gehen, du hast keinen Anspruch auf Mutterschutz, aber du hast einen 4wöchigen Kündigungsschutz. Also man kann um einiges ansuchen, wenn man die Kraft dazu findet.

In Österreich ist es erlaubt, in den ersten drei Monaten abzutreiben. Das gibt der Mutter einige Zeit, um drauf zu kommen dass sie schwanger ist, drüber nachzudenken, ob sie es denn sein will und sich Beraten zu lassen, wie es denn jetzt weitergehen soll. Ich glaube ich persönlich finde diese Begrenzung okay. In manchen Ländern ist es bis zu 6 Monate, und da finde ich, ist es wirklich schon menschlich. Es wäre ja schon überlebensfähig. Halt die paar Monate noch durch und gibs zur Adoption frei. So viele Leute wollen Kinder. Mit 6 Monaten abtreiben, wenn es nicht medizinisch notwendig ist? Da hattest du genug Zeit, um deine Entscheidungen zu treffen. Das würde ich persönlich dann schon als Mord einstufen. Es sei denn, natürlich, es gibt zu wenig Abtreibungskliniken und man muss monatelang auf einen Termin warten. Wenn das System wieder einmal dermaßen versagt. Dann ja. Ist es für mich noch immer eindeutig, aber nicht schwarz und weiß.
In Texas gab es seit September 2021 ein Gesetz, dass Schwangerschaftsabbrüche nur bis zur sechsten Woche erlaubt, sobald das Baby einen Herzschlag hat, gilt es als menschliches Wesen und darf nicht mehr abgetrieben werden, weil das dann Mord ist. Jetzt sind sechs Wochen aber gleich mal um, also wenn man nicht regelmäßig menstruiert oder vielleicht die Einnistungsblutung sehr stark ist, dann nimmt man erst später wahr, das man überhaupt schwanger ist. Sechs Wochen finde ich zu knapp, weil wie soll man über etwas nachdenken, wenn mna noch gar nicht weiß, dass es existiert? Zusätzlich kann man in Texas auch noch die Mutter anzeigen, die das Kind abtreiben will. Den Taxifahrer anzeigen, der sie zur Klink gebracht hat, die Freunde von ihr anzeigen, die ihr geholfen haben, das Geld zusammenzubekommen. Also es ist wirklich ein Nazi-Spitzl-Gesetz, das vor allem will, dass Nachbarn Nachbarn verraten, damit die Gräben tiefer werden.
Die Religion sagt, ein Fötus ist ein Mensch, sobald er eine Seele hat. Das müsste anscheinend ab der Empfängnis sein. Aber:
30-40% aller Schwangerschaften enden vor der 12. Schwangerschaftswoche. Und erst nach der 12. Woche spricht man von einer Fehlgeburt. Ab da ist es dann klar, dass das Baby wahrscheinlich bleiben will.
Aber eigentlich glaube ich, dass es etwas mit Selbstbezeichnung zu tun hat. Ich persönlich würde mich als Mutter bezeichnen, nach dem Ablauf von einigen Wochen. Wenn ich das Baby vielleicht schon gesehen hab, also den Herzschlag. Also sobald ich denk: Hey Baby, ich bin jetzt deine Mama, ich pass auf dich auf, keine Angst. Sobald ich eine emotionale Bindung aufgebaut hab, und das würde bei mir persönlich sicher sehr schnell gehen.
Ich könnte mir gut vorstellen, dass jemand, die erst in der 20. SSW abtreibt, sich auch noch nicht als Mutter bezeichnen würde. Einfach weil sie das Vermenschlichen von einem nicht überlebensfähigen Fötus nicht macht. Das heißt, sogar das, also bin ich Mutter, habe ich ein Kind oder ein medizinisches Problem zu lösen, könnte Einstellungssache sein.

Geschichte der Abtreibung in den USA

Aber kommen wir zu den USA.
Abortion oder Abtreibung in den USA war schon immer ein politisches Thema, ein umstrittenes Thema. Dazu muss man wissen, dass einzelne Staaten immer schon verschiedene Gesetze hatten. Es gibt Staaten wo es ganz normal und legal ist und es gibt Staaten, wo es komplett unmöglich ist, eine sichere und legale Abtreibung zu bekommen, wie zum Beispiel in Oklahoma. Also in den Staaten gibt es Gesetze gegen Abtreibung seit 1900, wenn man bedenkt, wie jung die USA als Staat sind, ist das schon relativ lang. Ich werde nicht sehr detailliert auf die Politik eingehen, aber es ist eben immer ein die Republikaner gegen die Demokraten. Und seit 1976 hat die Republican Party immer versucht, Abtreibungen schwer zugänglich zu machen und zu kriminalisieren. Die Democratic Party hat versucht, Verhütungsmittel zugänglich zu machen und generell auch Abtreibung sicherer zu machen.

Früher, also 1800, war es Common law, dass es verboten ist, abzutreiben, nachdem man das Kind spüren kann. Das heißt After quickening. Aber es gab eben keine schriftlichen Statuten, das wurde von Richtern usw beschlossen. 1803 wurde Abtreibung in Großbrittanien illegal, und Frauen wurden hingerichtet, wenn sie abtreiben ließen, nachdem sie das Kind spürten, und auch davor bestraft. Connecticut war der erste US-Staat der Abtreibung verboten hat (1821) und 10 von 26 Staaten folgten innerhalb der nächsten 20 Jahre. Bestraft wurden dabei immer die Ärzte und die Frauen.
Dazu kam dann auch noch der Fortschritt in der Wissenschaft. Ärzte stellten fest, dass nur weil die Frau die Bewegungen jetzt spüren kann, hat das nichts mit der Weiterentwicklung des Fötus zu tun. Also der Fötus bewegt sich ja viel früher, auch ohne dass es die Frau spüren kann. Das heißt, medizinisch gesehen wollte man das quickening nicht mehr als Grenze nehmen. Und es gab auch die ideologischen Bedenken, weil man als Arzt ja den hippokratischen Eid schwor, und dabei schwört man, alles Leben wertzuschätzen. Dazu kam, dass Abtreibungen meistens nicht von ausgebildeten Ärzten durchgeführt wurden, sondern oft von Laien. In einer Zeit, wo immer mehr mit System und Institutionalisierungen gearbeitet wurde, war das natürlich nicht gern gesehen. Waren Konkurrenz. Abtreibungen waren, da es ja noch keine richtig wirksamen Verhütungsmittel gab, damals viel häufiger als jetzt. Bis zur Mitte des 19.Jh. endeten 15-35% der Schwangerschaften mit Abtreibung. In den Staaten, nimmt man an. Außerdem veränderte sich zu der Zeit auch, wer die Abtreibungen forderte. Vor dem 19.Jh. waren es meist unverheiratete Frauen, danach waren es über 60% verheiratete Frauen, die mindestens schon ein Kind hatten. Und das war eben auch gerade die Zeit, wo die Frauenrechte zum ersten Mal richtig Aufschwung hatten. Wo sie sagten, wir wollen über uns selbst bestimmen, wir wollen studieren, und die Ärzte waren meist männlich und meist konservativ, und sehr weit entfernt von der Lebensrealität der Frauen. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass viele radikale Feministinnen damals auch gegen Abtreibung waren. Also sie schrieben dann, Dinge wie: Ja, die Frau ist schuldig, wenn sie die arme kleine Seele aufgibt, aber der Mann, der sie in diese Position gebracht hat, ist dreimal schuldig. Wie kann er nur so gedankenlos sein. Es gab keine zugängliche Verhütung und es gab auch nicht wirklich ein Recht darauf, Nein zu sagen. Auch nicht zu deinem Partner. Und Vergewaltigung in der Ehe war ja sowieso erlaubt. Also die Feministinnen waren so: Schaut nur, welche grauenhaften Dinge die Ehe Frauen antut und wie weit moderne Ehe Frauen zwingt zu gehen. Aber auch: Männer respektieren nicht das Recht der Frau auf Abstinenz und dadurch erschaffen sie erst die Notwendigkeit zur Abtreibung.
1873 gab es in 24 von 37 Staaten ein Gesetz, dass verbot über Abtreibung und Verhütung usw zu informieren. Und 1900 war Abtreibung dann in allen Staaten verboten. Wobei manche Staaten Ausnahmeregelungen hatten im Fall von Vergewaltigung und Inzest. Das heißt im Klartext, es gab noch immer viele Abtreibungen, aber eben schwer verfügbar und unsicher und gefährlich. In den 1930ern gab es offiziell 800000 Abtreibungen pro Jahr in den USA. Offizielle. 800000 pro Jahr.

Über die Jahre gab es immer wieder dieses Thema. In den 1960ern hatte Sherri Finkbine nach Schweden gereist, um ein behindertes Kind abzutreiben. Da gab es wieder diesen Aufschrei, weil sie es sich eben einfach leisten konnte nach Schweden zu fliegen, sie war eine Fernsehmoderatorin, während andere Frauen zu so einer Lösung keinen Zugang hatten.
Kleine persönliche Anmerkung von mir: Ich finde es furchtbar, behinderte Kinder abzutreiben, weil man oft nicht weiß, wie schlimm die Behinderung ist. Weil ich Ärzten da auch viel zu wenig vertraue. Weil mir bekannte eben erzählt haben, dass sie dann doch ein gesundes Kind zur Welt gebracht haben. Also da muss man wahrscheinlich auch eine persönliche Grenze ziehen. Ist mein Kind alleine überlebensfähig? Also nicht als Baby sondern später. Und da kommen wir wieder zur Frage zurück, wann ist ein Mensch ein Mensch? Herz, Hirn, Körper, was muss funktionieren, damit ein Mensch ein Mensch ist. Und was muss funktionieren, damit das Leben lebenswert ist? Und wer darf entscheiden, wer ein lebenswertes Leben hat und wer nicht?

Roe versus Wade

Also USA: Es gab in den ganzen 1960er Jahren immer wieder Fälle, wo einzelne Staaten wieder drüber nachdenken mussten und wieder Skandale und so weiter. Es gab mobile Abtreibungskliniken, die undercover gearbeitet haben. Es kam in den 60ern ja auch die Anti-Baby-Pille auf den Markt, die dieses bewusst schwanger oder nicht schwanger werden, leichter gemacht hat. Also dass Geburtenkontrolle und Verhütungsmittel effizienter wurden und auch legal und leichter zugänglich, sind ja nochmal Dinge, die ins Thema mitreinspielen.
1967 war Colorado der erste Staat, der Abtreibung entkriminalisiert hat, aber nur wenn Vergewaltigung oder Inzest oder Lebensgefahr für die schwangere Person vorkommt.
Und Hawaii war 1970 dann der erste Staat, der Abtreibungen legalisiert hat, wenn die Frau wollte. Also es war die Entscheidung der Frau.
Also es gab immer schon verschiedene Gesetze dazu in verschiedenen Staaten. Es gab kaum etwas bundesweites, was für die ganzen USA gegolten hat.
Und dann gibts zwei Fälle, über die jetzt ganz viele Leute reden. Nämlich 1973, Roe vs. Wade und Doe v. Bolton. Ich hab mich da mal durchgekämpft, aber ich kann euch nicht die ganze Politik und das Recht der USA erklären. Das hier wird sowieso schon viel zu lang.
Roe v. Wade war eine wegweisende, weitreichende Entscheidung des obersten Gerichtshofs. Der oberste Gerichtshof hat entschieden, dass in der Verfassung der USA, die Freiheit der schwangeren Frauen, sich für eine Abtreibung zu entscheiden, geschützt wird.
Diese Entscheidung war höher als die US-Bundesgesetze.
Das heißt, wenn jetzt, in Texas Abtreibung verboten ist, können deine Anwälte sagen: Hey, dieses Texas -Gesetz verstößt gegen die Verfassung. Und das ist ja auch passiert.
Norma McCorvey, als Pseudonym „Jane Roe“, war mit ihrem dritten Kind schwanger, wollte eine Abtreibung, lebte in Texas, ihre Anwältinnen Sarah Weddington und Linda Coffee reichten Klage gegen den Bezirksstaatsanwalt Henry Wade ein, indem sie sagten, die Texas-Gesetze sind verfassungswidrig. Ein Gremium aus drei Richtern gab ihr Recht. Die Parteien legten Berufung beim obersten Gerichtshof ein.
Am 22. Jänner 1973 gab es eine Entscheidung, es gibt das Recht auf Privatsphäre, deshalb ist die schwangere Frau geschützt, und darf abtreiben lassen. Aber das Gericht entschied auch, dass das Recht auf Abtreibung nicht absolut ist. Und das Gericht kündigte an, alle Abtreibungsvorschriften der USA regeln zu wollen.
Während des ersten Trimesters können die verschiedenen Regierungen nichts regulieren, außer zu verlangen, dass es von einem echten Arzt durchgeführt wird, oder Ärztin.
Während des zweiten Trimesters können Regierungen zum Schutz der Mutter, aber nicht zum Schutz des ungeborenen Kindes Abtreibungen regulieren.
Nach der Lebensfähigkeit können Abtreibungen reguliert und sogar verboten werden, aber nur wenn die Gesetze Ausnahmen für Abtreibungen vorsehen, die notwendig sind.
Diese Entscheidung des obersten Gerichtshofes war eine der umstrittensten Entscheidungen jemals. Jahrzehntelang haben Antiabtreibungsaktivist:innen versucht, das wieder zu überstimmen.
Und am 24. Juni 2022 hob der oberste Gerichtshof diese Entscheidung wieder auf. Er stellte fest, dass die Verfassung the constitution does not confer a right to abortion und das the authority to regulate abortion is returned to the people and their elected representatives.
Die Verfassung verleiht kein Recht auf Abtreibung
Und die Befugnis, die Abtreibung zu regulieren, wird an das Volk und die gewählten Vertreter:innen zurückgegeben.

Und deshalb sind jetzt gerade alle so wütend und traurig und verzweifelt. Weil es in der fucking Verfassung stand. Es war da drinnen. 50 Jahre lang. Und jetzt haben sie es wieder weggenommen.
Wie konnte es zu so einem argen Rückschritt kommen?
Ja, es kam wirklich nicht überraschend, aber man hofft halt trotzdem immer das beste.
Trump hat ja zwei Richter nachbestellt in seiner Amtszeit als Präsident. Oje, jetzt kommen wir doch in Details zu Politik. Nein, ihr müsst das selber herausfinden.
Der jetzige Präsident Joe Biden sagt, dass er persönlich gegen Abtreibung ist, aber dass niemand das Recht haben sollte, solche lebensverändernden Entscheidungen einem anderen Menschen aufzuzwingen. Bill Clinton und Barack Obama haben Roe unterstützt. Also es ist, republicans gegen democrats.

Hinter dieser Entscheidung stehen aber natürlich nicht nur die Richter und Richterinnen des Obersten Gerichtshofs. Es gibt eine riesige Lobby dahinter. Es gibt Anti-Choice-Aktivist:innen, die wirklich hart dafür gearbeitet haben, dass es in manchen Gebieten der USA auch schon länger unmöglich ist, sichere Abtreibungen zu bekommen. Sie haben finanzielle und logistische Hindernisse geschaffen, damit möglichst viele Frauen bestraft werden, wenn sie nicht Mutter werden wollen. In Alabama kommen Ärzt:innen lebenslänglich ins Gefängnis, wenn sie einen Schwangerschaftsabbruch durchführen. Das heißt in der Praxis, ist eine Abtreibung bereits vielen Menschen in den USA nicht zugänglich, obwohl es bis heute in der Verfassung stand. Außerdem kann man feststellen, dass es keine oder zu wenige Kliniken gibt. Außerdem wird die Abtreibung nicht von der Krankenversicherung bezahlt, das ist in Österreich zwar auch so, aber halt noch teurer in den USA.

Statistiken

Wenn man die Statistiken anschaut: Die Hälfte der Frauen, die in den USA abtreiben lassen, tun das vor der 9. Ssw. Die meisten Frauen, die abtreiben sind zwischen 20 und 29 Jahre alt, und 23% geben an, nicht bereit für ein Kind zu sein und 25% geben an, sich kein Kind leisten zu können. In Florida sind Abtreibungen bis zum 6 Monat erlaubt, und 20% von diesen Frauen gaben an, aus wirtschaftlichen Gründen abzutreiben.
Und das ist meiner Meinung nach ja auch das größte Problem der USA. Bei der Geburt oder kurz danach sterben so viele Frauen wie sonst nur in Dritte-Welt-Ländern. Frauen müssen zu früh das Krankenhaus verlassen, weil sie es sich nicht leisten können im Krankenhaus zu sein. Sie stellen keinen Mutterschutz zu Verfügung. Es gibt kein Kindergeld, keine Familienbeihilfe, keinen Papamonat, keine Wiedereinstiegsteilzeit und was es sonst alles noch in Österreich gibt. In Amerika ein Kind zu kriegen, ist wirklich ein vollschaß. Und wenn du dich dafür entscheidest, kommt irgendso ein Psycho daher und erschießt die Kinder während sie in der Schule hocken. Weil mit einer Schusswaffe getötet zu werden statt mit einem medizinischen Gerät, ist ja viel schöner. Und steht ja noch immer in der Verfassung drin. Kein Problem für die alten weißen Männer da oben.
Also es ist, wieder nur meine Meinung, klar, dass Lobbys dahinterstecken, wir werden im Laufe der Jahre schon checken, welche. Ich vermute ja immer die Pharmalobby hinter solchen Geschichten. Also die Pharmazie. Aber das ist nur mein persönlicher Hassgegner. Es könnte auch die Waffenlobby sein, die von sich ablenken will. Nicht weit hergeholt.

Was passiert jetzt? Wir werden sehen. Einige Staaten werden sehr strenge, lebensverachtende Abtreibungsgesetze durchboxen. Texas hat das ja schon gemacht, es ging in letzter Zeit in diese Richtung. Trumps sexistische Nachwirkung glaub ich. Die eben einfach sagen: Frauen haben schon zu viele Rechte. Als nächstes werden sie wohl die Privatsphäre im Allgemeinen beschneiden. Gleichgeschlechtliche Ehen usw. Also der Gedankengang ist da und ist direkt. Und absolut nicht weit hergeholt. Dieses ganze rechtliche, das dauert ja oft Jahre.

Wir haben jetzt natürlich alle die Hoffnung, dass den einzelnen Staaten der USA bewusst ist, dass Frauen das heutzutage nicht mehr so einfach mit sich machen lassen wie damals. Sogar Menschen in den USA sind immer noch eine gewisse Entscheidungsfreiheit gewöhnt, obwohl Politiker:innen natürlich alles daran setzen, diese Freiheiten möglichst gering zu halten.
Frauen, Menschen generell, aber auch schwangere Frauen, sind heutzutage mobiler als in den 1970ern. Das heißt, nicht nur die reichsten, sondern viele können das Land verlassen, um eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Das heißt, richtig scheiße sind die harten Gesetze wieder nur für die ärmsten der Armen. Wie immer. Die Schere wird größer, die Gräben werden tiefer. Die Klassenunterschiede sind in Stein gemeißelt.

Es betrifft alle Frauen, denn unsere Rechte sind fragiler als wir denken

Obwohl es mich überhaupt nicht betrifft, bin ich so wütend und so enttäuscht.
Ich sag es immer wieder:
Du kannst Abtreibungen nicht beenden, indem du sie verbietest.
Du kannst nur sichere Abtreibungen beenden. Du kannst nur sichere Abtreibungen beenden. Und wie zum Teufel ist es lebensbejahend Mutter und Kind sterben zu lassen? Erklärt mir das.

Feiert eure Körper.

Und zum Abschluss noch ein paar gute Nachrichten. In Deutschland dürfen Ärzt:innen jetzt über Schwangerschaftsabbrüche informieren. In Spanien gibts das „Nur ja heißt ja“- Gesetz. Und ab 16 Jahren darf man seine Geschlechtszugehörigkeit ohne Hürden ändern. Und darf man in den Krankenstand, wenn man Menstruationsschmerzen hat. Das gibts auch in Taiwan und in Indien und bald vielleicht in Italien.

Vergesst nicht eure Körper zu feiern, sie leisten jeden Tag großartiges. Vergesst nicht euch lieb zu haben, besonders wenn ihr Schmerzen habt. Schmerzen heißen, dass euer Körper überarbeitet ist und vielleicht mehr Ruhe braucht als sonst. Gönnt euch.

Ciao

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Quellen und Weiterlesen (Auswahl)

Spanien: Frauenrechte und Co. – Wer steckt hinter dem Wandel? – Berliner Morgenpost

Abtreibungsgesetze in den USA – 10 Dinge, die du wissen musst | Amnesty International Österreich

USA | Entscheidung des Obersten Gerichtshofs verletzt Recht auf Schwangerschaftsabbruch | 15.06.2022 (amnesty.de)

Facts About Abortion: U.S. Abortion Statistics (abort73.com)

Fehlgeburten: Jede dritte Schwangerschaft endet mit dem Abort – WELT

Familienhospizkarenz | Arbeiterkammer

Sonderurlaub (bmbwf.gv.at)

Rechtslage Fehlgeburt – Verein Pusteblume (verein-pusteblume.at)

Wann ist ein Mensch Mensch? – katholisch.de

Ab wann ist ein Mensch ein Mensch? In Österreich entscheidet die Waage – Weißenstein – meinbezirk.at (verein-pusteblume.at)

Abtreibungsgesetz in Texas: US-Supreme Court lässt Klagen zu (faz.net)

Roe v. Wade – Wikipedia

Abtreibung in den Vereinigten Staaten – Wikipedia

https://www.plannedparenthoodaction.org/blog/everything-you-need-to-know-about-supreme-court-nominee-neil-gorsuch-if-you-care-about-reproductive-rights

https://www.oesterreich.gv.at/themen/frauen/schwangerschaftsabbruch.html

An meine schwangeren Schwestern

Meine Beiden,

ihr wisst, dass ich immer für euch da war und versucht habe, eure Träume zu erfüllen (oder dabei zu helfen), wo es nur ging. Und jetzt bekomme ich meinen Traum nicht und ihr könnt mir nicht dabei helfen.

Ich weiß, wir können darüber reden. Und ich weiß, dass ihr eure Probleme habt und nicht alles Glück und Liebe und Leichtigkeit bei euch ist. Ich weiß, es ist kein unangenehmes Thema für euch und ich weiß, dass wir darüber reden könnten. Über alles. Aber ich kann nicht darüber reden.

Ich fange an zu weinen, wenn ich erklären muss, was los ist. Ich fange an zu weinen, wenn jemand nachfragt. Ich fange an zu weinen, wenn sich jemand freut. Ich weine sehr oft in den letzten paar Jahren.

Ich will eines klarstellen: Ich freue mich so unendlich für euch und über euer neues Leben. Mein Herz ist nur gebrochen wegen mir und meinem alten Leben. Es ist so, so schwer meine Traurigkeit zu unterdrücken. Ich wünsche mir nicht euer Leben, das wäre nichts für mich. Ich wünsche mir nur Teile daraus.

Es ist für mich sehr schwer zu begreifen, dass Menschen tatsächlich unabsichtlich schwanger werden können. Ohne Nachdenken, ohne Nachrechnen, ohne Ovolutionstests oder ohne Becher und Spritze. Die meisten Menschen wissen einfach nicht, wie viele Dinge auf die richtige Art passieren müssen, damit tatsächlich ein Baby entsteht. Es ist so ein verdammtes Wunder.

Und eure Babys sind Wunder. Keines davon war geplant und ihr liebt sie so sehr und das ist ein weiteres Wunder. Eure Babys werden geliebt und gefeiert und umsorgt. Auch von mir. Und ich genieße jede Sekunde davon. Aber plötzlich überwältigt mich meine Traurigkeit und ich kann nicht mehr. Wenn E. mich ungeduldig „Mama“ nennt, weil ihm mein Name gerade nicht mehr einfällt. Oder wenn er müde wird und sich plötzlich vom Sessel in meine Arme wirft, im vollsten Vertrauen, dass ich ihn schon auffangen werde. Oder wenn plötzlich Ultraschallbilder geschickt werden. Oder auch wenn ganz nebenbei über Umstandskleidung geredet wird. Oder Kinderwägen. Dinge, die ich eben als nächste ausgeborgt hätte, aber jetzt doch noch nicht brauche.

Wurde euch schon mal so richtig das Herz gebrochen? Denn es bricht mir das Herz. Es fühlt sich so an, immer und immer wieder. Und es kommt immer so plötzlich, dass ich mich nicht darauf vorbereiten kann. Und ich weiß nicht, wie man dann mit mir reden kann. Weil grundsätzlich sind wir doch Schwestern. Wir können doch immer über alles reden, wir halten doch immer zusammen. Und ich hasse euch doch nicht. Könnte ich doch nie. Aber vielleicht schaut es von außen manchmal so aus. Ich weiß, dass ihr einfach nicht wisst, wie ihr mit mir reden sollt. Und dann entsteht so ein komisches Loch. Das Loch kriecht in unsere Beziehung und breitet sich aus. Und ich weiß einfach nicht mehr, wie ich es noch stopfen soll, denn ich habe keine Kraft mehr. Ich weiß, dass mich keine von euch absichtlich verletzen will, und ihr könnt doch nicht aufhören, Dinge zu sagen, von denen ich nicht mal weiß, dass sie mich verletzten könnten. Also müssen wir das gemeinsam herausfinden.

Wenn mein Leben anders gelaufen wäre, hätte ich vielleicht schon ganz früh Mutter werden können, vielleicht zu früh und vielleicht hätte ich mich dann später geärgert. (Aber das kann ich mir wirklich nicht vorstellen.)

Aber vielleicht hätte ich es so machen können, wie wir es immer gewöhnt waren: Ich mache die Dinge und erzähle euch dann, was passiert ist. Aber das geht jetzt nicht mehr. Ich war diesmal nicht die Erste. (Das beschäftigt mich auch.) Aber diese Angst, dass ich die Erfahrungen, die ihr macht, vielleicht niemals haben werde, die wird immer größer. Und eure Ankündigungen, immer dieses „Ich bin schwanger!“, das ist einfach nur die Ermahnung, dass ich es noch immer nicht bin. Dass ihr etwas dreimal schafft, in einer Zeit, in der ich es nicht ein einziges Mal schaffe. Und nochmal ein Unter-die-Nase-Reiben, dass dieses „Wann bin ich denn endlich dran, verdammt!!“ noch immer nicht JETZT ist. Also bleibe ich weg. Also wirke ich distanziert und traurig, sobald ich meine Gefühle nicht mehr unterdrücken kann. Oft unterdrücke ich sie doch, und das tut dann doppelt weh, weil alle denken: Es geht ihr eh gut. Alles ist okay.

Was ihr niemals vergessen dürft:

Eigentlich bin ich unglaublich erleichtert und froh, dass ihr so mutig seid, diese Babys zu bekommen, obwohl sie nicht gewollt oder geplant waren. So sehr es mir das Herz bricht, dass ihr bekommt, was ich seit einem Jahrzehnt will und nicht bekomme, es würde mich zerbrechen, wenn ihr euch gegen das Baby entscheiden würdet. Deshalb bin ich durch und durch froh, dass ihr euch entschieden habt, diese Babys zu bekommen.

Es ist keine Selbstverständlichkeit, eure Körper zwei Jahre mit einem fremden Wesen zu teilen und eurer restliches Leben lang eure eigenen Bedürfnisse hinter die des Babys zu stellen schon gar nicht. Ich weiß es zu schätzen. Ich weiß, was ihr schafft. Ich weiß, was eure Körper schaffen. Während ich euch mit den Entscheidungen völlig alleine lassen muss, bin ich immer für euch und eure Kinder da und ich glaube, das wisst ihr auch. Natürlich bin ich immer eure Schwester und natürlich bin ich die beste Tante, die eure Babys haben (gebt es zu).

Mutter zu werden fühlt sich für mich an manchen Tagen wie ein sehr unrealistischer Traum an. Ich wundere mich jeden Tag, warum es da draußen Mamas gibt, die nicht warten mussten. Die nicht einmal Mamas werden wollten. Dann gibt es Mamas wie euch, die einfach alle Pläne umkrempeln, weil das Abenteuer „Kind“ plötzlich ansteht. Ich sehe Glück , das ich gerne hätte. Ich sehe Kämpfe, die ich gerne hätte. Ich sehe, dass alles gut werden wird.

Obwohl ich weiß, dass alle Menschen ihre eigenen Wege gehen. Obwohl ich weiß, dass man niemals zwei Leben miteinander vergleichen kann, weil alle Menschen so verschieden sind. Ich weiß auch, dass ich die Hoffnung nie verlieren darf. Aber an manchen Tagen scheint die Hoffnung einfach so weit weg zu sein. An manchen Tagen weiß ich einfach nicht mehr, wofür ich dankbar sein soll. Aber natürlich bin ich immer für euch dankbar.

Also passt auf euch auf. Kümmert euch um die Kleinen.

Hab euch lieb,

die Wartende.

History Slam: Ulli Toth „St. Nikola, 1946“

Die ursprüngliche Idee des History Slam war es, eigene Familiengeschichten aufzuarbeiten. Je jünger man ist, desto lächerlicher erscheint einem das. Wie spannend ist es bitte, das ich zuerst einen Walkman hatte und dann einen Discman? Oder wie interessant ist es, zu wissen, dass ich stundenlang auf Busse gewartet habe, weil ich kein verdammtes Handy zur Verfügung hatte? Was hab ich denn schon erlebt?

Geschichte besteht aus so vielen kleinen Geschichten. Aus jedem Thema kann man etwas machen, wenn man weiß, wie.

Und dann gibt es natürlich die Familiengeschichten. Die Dinge, über die Großeltern und Urgroßeltern immer wieder geredet haben. Zuerst heimlich, dann immer öfter, denn die Zeit beginnt zu verschwimmen, immer stärker, je älter man wird.

Manche Geschichten waren nur damals schlimm und sind heute gut. Manchmal versteht man als Zuhörerin gar nicht, wieso das nicht einfach weiter erzählt wurde. Denn manchmal verstecken sich hinter verschwiegenen Leben Heldinnen.

Mehr Infos zu den Hintergründen findet ihr hier.

Frohe Ostern! (Wochenrückblick – KW 15 bis 12. April)

Frohe Ostern! Das ist das erste Mal, dass ich zu Ostern nicht zu Hause bin. Wir haben ein paar Traditionen, die wir jedes Jahr machen, am wichtigsten ist eigentlich das Essen.

Unser Schlemmfest beginnt am Gründonnerstag mit Spinat und Bufesen oder Pofesen oder wie auch immer ihr es schreiben wollt. Spinat ist dabei sehr wichtig! Wir waren so ziemlich die einzigen Kinder, die gerne Spinat gegessen haben – wahrscheinlich weil Mama gesagt hat, wir sollen Spinat einfach wie Ketchup verwenden. Wenig davon auf den Teller und dann eintauchen. Und dann braucht man immer mehr. Mittlerweile essen wir auch Spinat ohne alles.

Samstagabend folgt dann die Osterjause. Und es gibt noch ein paar Highlights, auf die ich jetzt nicht eingehen will, die aber großartig sind.

Jedenfalls kann ich nicht groß aufkochen, weil ich alleine bin. Ich habe weder das Geld noch die Lust, um tolle Sachen nur für mich alleine zu machen. Dazu ist es mir einfach nicht wichtig genug. Hier habe ich aber ein Video gemacht, während ich die Pofesen hinausbacke. Ihr könnt es ganz leicht nachmachen.

Meine Schwester hat mich Sonntagfrüh allerdings per Videotelefonie angerufen und ich konnte meinen Neffen und meine Eltern bei der Suche nach Süßigkeiten durch den ganzen Garten verfolgen. Wenn man erwachsene Kinder hat, können die nämlich abwechselnd verstecken und so kommen die Eltern auch zum Suchen! #guteidee

Die kleine Meerjungfrau von Trisha Radda + Video

Ich liebe Märchen. Die kleine Meerjungfrau mochte ich nicht. Also die Geschichte. Ich habe als Kind den Schluss nicht verstanden. Ich wollte wissen, was eine Seele ist und mein Papa ist fast verzweifelt als er versucht hat, es mir zu erklären. Ich habe es einfach nicht verstanden.

Jedenfalls kann man ja später aus Märchen machen, was auch immer man will. Man kann sich die Liebesgeschichte raussuchen, oder die Mädels verarschen, die einem Typen hinterherrennen, der sie nicht wiedererkennt, weil sie letztes Mal eine Maske aufhatte. Was auch immer. Ich liebe ja die Sidekicks in den Disneyverfilmungen. Nur deshalb schaue ich die. Als ich acht war, habe ich den Aufbau einer Disneygeschichte verstanden gehabt- Gut, Böse, lustiger Depp, Musik. Als ich das meiner Mutter erklärte, hat sie ertappt dreingeschaut. Naja.

Hier habt ihr also meine Interpretation der kleinen Meerjungfrau. Der Text wurde in der Ö-Slam 2018-Anthologie abgedruckt, die ihr bei mir kaufen könnt.

Equal Pay Day

Das ist mein Leben. Das ist mein Körper. Das ist mein Gesicht. Das ist mein Wille. Das ist meine Stärke. Das ist mein Wissen. Aber das siehst du nicht.

Das ist mein Weg. Ich gehe, wohin ich will.
Ich suche. Ich verirre mich. Ich fall hin.
Und ich stehe wieder auf.
Und ich gehe weiter und ich lege mir eine Rüstung an.

Eine Rüstung gegen alle, die nur meinen Körper kennen wollen.
Eine Rüstung gegen alle, die mich zu Boden werfen wollen.
Eine Rüstung gegen alle, die mich kleiner machen wollen, um selbst größer zu erscheinen.
Eine Rüstung gegen alle, die Dinge sagen, die ich nicht hören will.
Eine Rüstung gegen alle, die Dinge tun, die ich nicht spüren will.
Und mit dieser Rüstung gehe ich weiter. Jeden Tag.

Und mit jedem Experience Point kommt ein neues Item dazu, mit jedem Aufstieg in ein neues Level wird meine Welt weiter und größer und manchmal stockts und dann spinnt die Graphik ein bissl und das lenkt mich ab. Und dann kommen einzelne Pfeile durch meine Rüstung und klauen mir Leben. Mein Leben, das ich mir so sorgsam aufgebaut hab. Dann hör ich Dinge, die niemand sagen sollte. Niemand hätte sie jemals denken sollen. Das war in meiner Welt nicht vorgesehen und ich höre Dinge, die ich niemals hören wollte. Wie zum Beispiel:

„Ja, aber du bist Künstlerin, du kannst ja machen, was du willst! Du entscheidest dich ja gegen das Geld!“ oder

„Ja, aber Kinderbetreuerinnen sind schon immer unterbezahlt! Ihr regts euch aber auch nie auf!“

oder: „Dei Stimme mog i ned, aba die Gfriss gfallt ma!“

oder: „Aber du als Feministin kannst ja wohl nicht bei deinen Kindern Zuhause bleiben wollen!“

Dann erklär mir mal, Arschloch, was so schlimm daran wär, wenn Kinderbetreuung fair bezahlt werden würde? Fehlt dann das Geld für die Autobahnen? Oder die Ganztagsschulen? Oder für deine sechste Limosine? Und wenn wir schon mal bei deinem Lifestyle sind, hab ich eine Frage für dich: Darf man Menschen, die weniger als zwei Stunden pro Tag mit ihren Kindern verbringen, überhaupt noch Eltern nennen? Und hast du „Elternteil“ daran gedacht, dass bei all deinen Terminen und Hetzen und Ignorieren und Weglaufen vor deinen eigenen Kindern du aus deinen Kindern auch Arschlochmenschen machst? Aber keine Angst!

Denn dann greifen wir ja ein. Die Legionen von Gutmenschen, die sich scheren, um die Dinge, die du verbockst. Wir sind ja da. Wir fangen auf, wir bessern aus, wir trösten, wir erlösen, wir trocknen Tränen, wir stillen Sehnsüchte. Wir lieben die, die ihr vergessen habt zu lieben. Auch wenns manchmal schwerfällt, denn – deine vernachlässigten Fratzen sind echt nicht liebenswert. Die brauchen extra viele Kuscheleinheiten zum Ausgleich. Sie gieren nach Aufmerksamkeit und du ignorierst, dass es sie überhaupt gibt.

Und jetzt findest du als Experte also, dass Mütter nicht zuhause bleiben sollen, wegen der Statistik. Du findest im Ernst, dass ich als Feministin meine Kinder weggeben soll zu unterbezahlten, unterqualifizierten Menschen, die ihrerseits wieder ihre Kinder weggeben mussten zu unterbezahlten, unterqualifizierten Menschen, damit sie Zeit genug für meine Kinder haben. Das ist deine Logik. Das ist dein toller Wirtschaftsplan?

Es geht nicht darum, dass Frauen schneller wieder in ihren Job einsteigen. Es geht darum, dass sich 2 Erwachsene mit 3 Kindern das Leben nur mit 4 Jobs leisten können. Das ist dein Denkfehler.

Ja, ich will fair dafür bezahlt werden, dass ich mich um Kinder kümmere. Sogar, wenn es nicht meine eigenen sind. Selber machst du das ja nicht.

Aber es muss meine Entscheidung sein. Denn das ist mein Leben. Das ist mein Körper. Das ist mein Gesicht. Das ist mein Wille. Das ist meine Stärke. Das ist mein Wissen. Aber das siehst du nicht.

Und da gibt’s besondere Menschen. Die dürfen mich kleiner machen als ich bin. Die dürfen mich so klein machen, dass sie sich auf mich stützen können. Und die unterstütz ich gern. Dafür bin ich da. Da fühl ich mich nicht eingeschränkt, da fühl ich mich nicht ausgenutzt, da fühl ich mich dafür verwendet, wozu ich geboren wurde.

Denn das ist mein Weg. Ich gehe, wohin ich will. Ich suche. Ich verirre mich. Ich fall hin.

Und ich stehe wieder auf.

Hast du deine Gebete gesprochen, mein Kind?

schutzengelSchlafengeh-Rituale.

Betet ihr? Darf man das noch fragen? Ist Religion privat? Und wenn man religiös ist, heißt das dann: dass man an Gott glaubt oder dass man in die Kirche geht oder das man jeden Tag betet oder was? Was heißt das?

Meine Eltern haben nie gesagt: „Zähne putzen, umziehen, beten, schlafen gehen!“ Dabei entwickelten sich während der Schlafengehzeit einige der wichtigsten Rituale unserer Kindheit. Es gab eine Zeit, in der wir jeden Abend baden gingen. Wahrscheinlich weil wir  immer draußen waren und immer schmutzig. Auf jeden Fall war die Reihenfolge baden gehen, Zähne putzen, Geschichte vorlesen, Schlafen gehen. Manchmal sang der Papa uns noch ein Schlaflied. Er singt gerne. Denn Kinder schlafen legen  war eindeutig Papas Verantwortung. Aufwecken übrigens auch.

Wenn jemand krank war, war das Einschlafen am schwersten. Und meine kleine Schwester war jahrelang krank. Also ist Papa Profi. Später, als wir älter wurden, haben wir selbst gelesen und Papa hat nur geschaut, dass wir irgendwann mal das Licht abdrehen. Als dann Die Ärzte in unser Leben traten, hörten wir uns vor dem Schlafengehen „Das Schlaflied“ an. Möglicherweise war das gemein von mir. Möglicherweise hatte meine kleine Schwester deshalb noch sehr lange sehr große Angst vor Monstern. Hm.

Manchmal, wenn unsere Eltern nicht da waren (Theater? Kino? Elternabend?), passte unsere Omi auf uns auf. Da gab es dann ein wenig Abwechslung. (Man sollte meinen, mit vier (oder drei oder fünf, je nach Jahr) Kindern ist der Abend immer spannend, aber Schlafengehen ist eine Routinehandlung, alle Eltern wissen das.) Omi betete mit uns. Sie war nicht streng oder sehr religiös oder so. Sie schaute eben drauf, dass Gott uns beschützte. Was ja nicht schaden kann. Sie schickt uns auch immer Schutzengel mit. Das ist auch praktisch.

Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt

Diese doch recht beunruhigende Zeile eines traditionellen Schlafliedes hat mich irgendwann gestört. Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich war, aber irgendwann hat es mich gerissen und ich dachte: „Wenn Gott will? Was, wenn er nicht will?“ Seitdem beschäftigen mich Begriffe wie Gott und Schicksal und die ganze „Der Mensch muss doch Entscheidungen treffen können“ (Filmtipp: Matrix 1&2)-Sache enorm.

Ich gehe einmal im Jahr in die Kirche. Ich glaube an Gott, aber ich bin überzeugt davon, dass wir ihm egal sind. Ich stelle mir Gott wie einen Künstler vor: Er hat die Welt geschaffen, die Evolution gestartet und teilweise weiß er jetzt nicht mehr, was er mit uns machen soll. Teilweise ist es ihm egal, weil er sich gerade in einer schöpferischen Krise befindet. Teilweise vergisst er einfach auf uns. An manchen Tagen beobachtet er uns und wartet ab. Und manchmal, ganz selten, verändert er etwas. Typisch Künstler halt.

In schlechten Zeiten betet man mehr. Da könnt ihr jeden fragen. „Ach, Gott, hilf!“ – ist schon ein Gebet. Meine Mutter hat in den letzten Jahren eine nette Angewohnheit entwickelt. Sie dankt. Jedes Mal, wenn wir uns auf der Terrasse in die Sonne setzen, sagt sie: „Mein Gott, gehts uns gut!“ Das finde ich besser. Auch wenn ich überzeugt bin, dass Gott uns nicht hören kann.

Allgemein ist es besser für den Gesundheitszustand, sich zu freuen als zu jammern. Österreicher sind zwar meistens schlecht im Freuen, aber strengt euch doch mal an! Diese eine halbe Stunde zwischen Mittagessen und Weiterarbeiten, kann man doch wirklich genießen. Natürlich kann man auch sündige Dinge denken wie: „Maah, wer räumt denn jetzt den Tisch ab?“ Aber man kann eben auch dasitzen und sich freuen, dass man endlich mal dasitzen und sich freuen kann.

Viele Leute, ich nenne sie gerne arbeitswütige Volltrottel, nehmen sich gar nicht die Zeit dazu. Freut euch! Ihr habt gerade was gegessen! Ihr lebt in einem Land, wo ihr nicht 15 Stunden am Stück arbeiten müsst! Also freut euch!

Na los!

Geht sofort raus und freut euch!

Aber ich seh schon: Ihr bleibt sitzen.

Weil es draußen regnet, stimmts?

Ihr Weicheier.

Nehmt eine Jacke und geht raus und freut euch!

Jetzt aber.

Na bitte.

Meine beiden Socken

2016-04-14 12.20.08
verschiedene Socken fördern die Kommunikation

Ich habe immer zwei verschiedene Socken an. Das liegt nicht daran, dass immer einer kaputt ist, es liegt einfach nur an meiner Faulheit. Also wenn ein Socken kaputt wäre, würde ich es vermutlich nicht bemerken, denn ich hab ja immer zwei verschiedene Socken an. Es begann damit, dass mir Leute Socken schenkten. Bunte Socken. Also, schon einfärbig, zwei rote Socken, zwei gelbe Socken, zwei blaue Socken und so weiter. Und mir war das natürlich immer zu blöd, zwei gleichfarbige Socken am Wäscheständer zu suchen. Wenn ich bei Freunden eingeladen bin, und mich alle zum ersten Mal unbeschuht sehen, bieten meine Socken jedes Mal ein Gesprächsthema. Ich meine, überlegt, wie lächerlich.

Meine Socken sind ein Thema.

Ich bekomme dann ganz viele Tipps. Wie zum Beispiel: Du kannst ja nur noch schwarze Socken kaufen. Ja. Aber dann habe ich noch immer bunte Socken zu Hause, die ich nicht wegwerfen werde. Weil: Kleidung wirft man nicht weg. Man trägt sie am Körper und wäscht sie und trägt sie am Körper und wäscht sie und trägt sie am Körper bis sie kaputt wird. Dann wirft man sie weg. Ein nächster Tipp ist, ich solle beim Wäscheaufhängen, die gleichfarbigen Socken schon nebeneinander hinhängen. Daraufhin wird das Gesprächsthema ausgeweitet auf meine Sockenaufbewahrungsbox. Denn ich werfe meine Socken vom Wäscheständer direkt in den Karton von meinem uralten CD-Player. Die einzelnen Socken. Da schlagen die braven Hausfrauen dann aber die Hände vorm Kopf zusammen. Oje. In dem Karton ist es schlichtweg unmöglich, gleiche Socken zu finden, falls man einmal auf die Idee kommen sollte. Die ersten Menschen, die mich wegen meiner Socken ansprechen, sind aber nicht Freunde von Freunden, nein, es sind meine Kinder. Also, natürlich nicht meine Kinder, ich hab ja noch keine, aber ich bin Kindermädchen, Babysitterin und fast-Lehrerin. Und das heißt, dass früher oder später ein – meist kleines – Kind auf mich zuläuft und völlig perplex meine verschiedenfarbigen Füße anstarrt. Ich hatte auch eine wunderbare Aussprache mit einer Mutter darüber.

Sie erzählte mir unter Lachanfällen, dass ihr Kind darauf bestanden hätte, zwei verschiedenfarbige Socken anzuziehen. Mit der Begründung, dass sie jetzt Vater, Mutter, Kind spielen, und sie müsse die Patricia spielen. Hach!

„Zukunfts-Kinder“ von Patricia Radda

Ein gellender Schrei dringt durch die Stadt

Wer hat das mit den Kindern gemacht?

Ich hab eins gesehen gleich hier

Unter freiem Himmel, wild wie ein Tier

Es lief mit seinen eigenen Beinen

Legt dieses Kind doch an die Leinen

Es bewegt sich völlig frei

Holt doch endlich Hilfe herbei!

Da! Oh Gott, jetzt kommen noch mehr

Schaut doch, grad waren die Straßen noch leer!

Ich kanns nicht verstehen

Wie kann denn das gehen?

Und Lärm machen sie, vorher wars leis!

Aber hab ich nicht hier auf Schwarz und Weiß

Dass ein jeder Fratz bleibt auf seinem Platz?

Ja, so war es vorhergesagt:

Kein Erwachsener wird mehr mit Kindern geplagt

Sobald jedes einen Computer hat

Haben wir etwa was übersehen

Nein, also so kanns nicht weitergehen

Da! Endlich kommt der Polizist,

der wird uns sagen was Sache ist

 

Was ist los, was geht hier vor

Seht doch, die Sitzbank- mit Kindern davor!

Keine Sorge, das ist nicht das erste Mal

Denkt nur vor Jahren der Stromausfall!

Wir müssen nur fragen, was sie hier wollen

Dann werden sie schon aufhören zum Tollen

Keine Panik, alles wird wieder normal

Aber ich gebe zu, ein ungewöhnlicher Fall!

 

Dann schlängeln sich die Ordnungshüter

Durch die aufgebrachten Gemüter

Und stehen schließlich ratlos da

Auf einer Steinbank sitzt eine Frau

Und vor ihr machen die Kinder Radau

Sie springen und lachen, schubsen und klatschen

um die Seifenblasen zu zerplatschen

Und da kitzelt eine Blase

Den Polizisten an der Nase

Die Kinder beginnen zu lachen

Weil sie wissen: Jeder darf mitmachen

 

Was tun sie hier? Was soll das werden?

Reagiert der Polizist auf die Beschwerden

Die Frau sagt: Ich hab doch gar nichts gemacht

Er sagt: Aber die Kinder haben gelacht!

Sie sagt: Naja das ist schon öfter passiert!

Wenn ma sie auf Bewegung trainiert

Nein, sagt er, so kanns nicht gehen

Wollen sie denn nicht verstehen

Kinder sollen an ihren Plätzen bleiben

Sonst hat die Bevölkerung zu leiden

Sie sollen schweigen und still halten

So kann man sie viel leichter verwalten!

 

Es ist wichtig für die Sicherheit

Dass ihr Kinder drinnen seid

Dort lernt ihr alles, was ihr braucht

Bis euer kleines Köpfchen raucht

Bringt niemanden in Gefahr

Und seid immer da

Wo man euch zurückgelassen

So seid ihr auch viel leichter zu fassen

Wenn man euch doch mal in der Nähe haben will

Steht ihr fürs Weihnachtsfoto still

So wie es sich gehört für gute Kinder

Jetzt steht nicht da und glotzt wie Rinder

Ihr sollt doch nach Hause gehen

Und weiter fernsehen

Wollt ihr die Zukunft sabotieren

Wird was Schlimmeres passieren

Schon seit Urzeiten wurde vorausgesagt:

Es kann viel verlieren, wer viel wagt

Drum hört doch auf mit diesen Witzen

Und bleibt brav auf euren Hintern sitzen

 

Wenn ein Kind das Lachen lernt

Ist das Weinen nicht weit entfernt

Niemand will sich kümmern um Kinder

Die nicht gewöhnt ans Kinderzimmer

Die haben freie Emotionen

Das wird sich einfach nicht lohnen

Da musst du dich um sie sorgen

Ihnen deine Aufmerksamkeit borgen

Aber so fängts erst an

Denn irgendwann

Musst du dann

Die Sachen machen

Die ein Computer viel besser kann.

trösten und ablenken   Langeweile senken   Unterhalten Verwalten

lehren wie man schreibt und liest, Wecker setzen, damit man nichts vergisst

Nachrichten vergleichen und analysieren, Medikamente dosieren gegen Viren.

Nein, mit einem beweglichen Kind hat man nur Scherereien

Und so sollten Kinder nun wirklich nicht sein!

 

Die Kinder stehen zwischen Polizist und Frau

Und überlegen es sich ganz genau.

Sie denken an ihre Computerspiele

Und davon gibt’s so unendlich viele.

Sie denken an das gewohnte zuhaus

Und wissen: Das Leben einer Seifenblase ist doch gleich wieder aus.

Und beschließen feierlich an diesem Tag

So viele Seifenblasen zu machen wie man nur mag.

 

 

geschrieben 22.10.2015 (Boat of Hope Klagenfurt, Brückenslam)

„Unsere Kinder“ von Patricia Radda

Unsere Kinder werden nicht mehr zu Musik tanzen

Sie weichen nur noch den Gewehrkugeln aus

Unsere Kinder werden nicht mehr singen

Sie schreien nur noch aus Angst

Unsere Kinder werden nicht mehr Klavier spielen lernen

sie hauen nur noch auf Computertasten ein

Deshalb singe ich jetzt

tanze ich jetzt

spiele ich jetzt am Klavier

damit dieses riesige dunkle Loch

mich nicht einfach verschlingt

Unsere Kinder werden nicht mehr lesen können

Sie bekommen von einer Maschine vorgelesen

Unsere Kinder werden nicht mehr schreiben lernen

Sie diktieren alles dem Computer

Unsere Kinder werden keine Geschichten mehr kennen

Sie haben niemanden der sich Zeit nimmt, um sie zu erzählen

Deshalb lese ich jetzt niemals laut

deshalb schreibe ich jetzt

und erfinde Geschichten

damit dieses riesige dunkle Loch

euch nicht einfach so verschlingt