Schlagwort-Archive: Kurzgeschichte

Gratis-E-Book: Nachtschicht von Patricia Radda

Nachtschicht Cover
Nachtschicht Cover

Eine Kurzgeschichte

gratis

E-Book

in allen Stores

http://www.bookrix.de/_ebook-patricia-radda-nachtschicht/

Camilla kann die Gefühle und Gedanken der anderen Menschen fühlen. Das macht sie zur perfekten Rächerin.

Kostenloses EBook jetzt in allen Stores!

 

Weltenerfinder

Die kostenlose Kurzgeschichte Weltenerfinder, von der ich weiß, dass sie die Lieblingsgeschichte von einigen LeserInnen ist, gibt es jetzt auch in anderen eBook-Stores zum kostenlosen Download!

Hier der Link!

Das ist die Leseprobe für das Buch „Ein Spaziergang“, das ihr beim Link rechts oben kaufen könnt!

Viel Spaß und Träume und Fantasie beim Lesen!

 

„Gott der Dichtkunst“ von Patricia Radda

Gott der Dichtkunst

Weiß. Nur weiß. Ich starre auf den Stift in meiner Hand. Dann wieder auf das Papier. Verdammtes weiß. Es schlägt mir noch die Augen ein. Vielleicht macht es mich blind. Ganz blind. Dann stehe ich im Dunkeln.
Einige sagen, sie können nur schreiben, wenn sie unglücklich verliebt sind, wenn sie vor Sehnsucht vergehen und alles tun würden, um bei der Person zu sein, die sie lieben. Wenn sie darauf warten, dass sie endlich wieder zusammen sind. Bei mir ist es anders.
Wenn er bei mir ist, kann ich schreiben.
Wenn er bei mir ist, kann ich reden.
Meine Worte passen zusammen und die Sätze bilden sich von ganz allein. Wenn er nur da ist.
Wenn er jetzt da wäre, würde er in der Ecke dort drüben stehen. Er würde lächeln und dann würde er „Callie“ sagen, nur meinen Namen, nur einmal. Dann würde ich zurücklächeln und dann würden sie kommen. Die ganzen Buchstaben, Sätze, Wörter, Reime; alles, das in meinem Kopf vorhanden ist. Es ist in meinem Kopf und kommt nicht aufs Papier. Außer, wenn er da ist.
Er würde sich hinsetzen, mir gegenüber. Er würde mich anschauen, auf eine beruhigende Art.
Und dann würde er mich schreiben lassen. So lange ich schreiben muss.
Nachdem ich den Stift beiseite gelegt hätte, würde ich ihn anlächeln. Dann würde er aufstehen und zu mir kommen. Er wagt es nie mich zu berühren. Niemals. Wie sehr sehne ich mich nach seiner Berührung. Gerne würde ich seine Hände auf meiner Haut spüren oder gar seine Lippen an den meinen. Trocken wird mein Mund, wenn ich mich nach ihm sehne und heiß mein Körper. Komm zu mir.
Lies weiter auf BookRix!

„Fehlgeburt“ von Patricia Radda

Es kam ihm so vor, als würde er nun schon minutenlang dieselbe Stelle am Tellerrand schrubben. Ich hätte es gleich nach dem Mittagessen machen müssen, ärgerte er sich. Er hörte die Eingangstüre auf- und dann wieder zugehen. Sie war wieder da. Er lauschte kurz, ob sie zu ihm in die Küche kommen würde. Er stellte sich vor, dass sie einfach zu ihm kam, ihn von hinten umarmte, sich an ihn presste. Und dann würde er sich herumdrehen und sie würde ihn küssen. So wie früher.
 
Sie kam nicht in die Küche. Er hörte, wie ihre Schritte sich entfernten, sie ging hinauf. Vielleicht duschte sie. Er folgte ihr in Gedanken. Ich will mit dir reden, dachte er. Aber er atmete nur durch und fühlte, wie sich seine Brust und sein Bauch dabei verkrampften. Wenn er schon gekocht hätte, dann könnte er sie jetzt zum Essen rufen. Aber er hatte bis vorhin am Computer gesessen und beim Arbeiten die Zeit übersehen. Er kämpfte nun mit dem angetrockneten Gulasch im Topf. Verdammt.
 
Eigentlich bewunderte er sie. Sie hatte den größeren Verlust erlitten, oder? Trotzdem stand sie jeden Tag auf und ging zur Arbeit. Sie arbeitete den halben Tag und dann ging sie am späten Nachmittag die Kids im Studio trainieren. Wie viel Überwindung es sie kosten musste, mit kleinen Kindern herumzulaufen! Warum tat sie sich das eigentlich an? Sogar ihr Chef hatte ihr angeboten, eine Pause einzulegen. Sie hatte abgelehnt. Jeden Abend lag sie völlig erschöpft im Bett, tat so, als ob sie schlief, und er spürte ihren Schmerz. Sie konnte auch nicht schlafen. Wenn er in der Nacht wach lag, hörte er ihren unruhigen Atem, ihr unterdrücktes Schluchzen. Er versuchte still zu liegen, denn er hatte keine Ahnung, was er tun sollte, wenn sie wusste, dass er auch nicht schlief.
 
Als er das Wasser abdrehte, hörte er es. Boxhandschuhe auf Sandsack. Wie sehr sie damals darüber gestritten hatten, dass sie den Platz, der eigentlich für ein Wohnzimmer vorgesehen war, eine Couch vielleicht oder einen Sessel wenigstens, als Trainingsraum benutzen wollte. So sinnlos, so winzig. Alle Auseinandersetzungen schienen ihm unwichtig. Er brauchte einige Zeit, bis er realisierte, dass die Schläge aus dem Wohnzimmer zu wütend klangen. Es hörte sich an, als würde sie gegen Wladimir Klitschko kämpfen müssen und nicht gegen einen Sandsack- mit aller Wut, mit aller Kraft. Er trocknete seine Hände ab, wollte Zeit schinden.
 
Er tappte langsam über den kalten Fließenboden. Es tat weh, sie so zu sehen. Ihr Atem ging verkrampft und stoßweise. Sie keuchte verzweifelt auf. Nach ein paar kraftlosen letzten Schlägen umarmte sie schließlich den Boxsack. Ein gequältes Stöhnen verwandelte sich in Aufschluchzen. Er wollte zu ihr, nur ein paar Schritte und er könnte sie in den Arm nehmen. Er könnte ihr sagen, dass er sie liebte und für sie da war und dass alles okay werden würde. Alles, was in seinem Kopf wie eine Lüge klang. Hilflos lehnte er sich gegen den Türrahmen. Er fühlte sich schwach.
 
Sie lockerte den Griff um den Sandsack und ließ sich Zentimeter für Zentimeter zu Boden gleiten. Eingerollt wie ein Embryo im Mutterleib lag sie da. Verloren auf den kalten Fließen. Ihr zarter Körper wurde geschüttelt von ihrem heftigen Weinen. Er kannte ihr Weinen, sie weinte ziemlich oft. Wenn sie unzufrieden oder wütend war. Noch nie hatte es so verletzt geklungen. Tief und heiser- direkt aus dem Herzen. Sein eigener Schmerz schoss in sein Bewusstsein. Eine Sekunde lang verschwamm das Bild, aber er blinzelte die Träne weg. Stolpernd machte er die paar Schritte, die ihn noch von ihrem Körper trennten. Er kniete sich neben sie, umarmte sie und hielt sie fest. Und die Tränen kamen. Er legte sich neben sie auf den kalten Fließenboden. Wann hab ich zum letzten Mal geweint?, fragte er sich. Warum kann ich nicht einfach etwas sagen, das sie glücklich macht? Er suchte nicht nach Antworten. Die Fragen zogen vorbei. Er hielt sie fest an sich gedrückt. Sie weinte verzweifelt und er leise.
 
„He“, flüsterte er, als keine Tränen mehr kamen und von ihr nur noch seltene, trockene Schluchzer zu hören waren. „He“, flüsterte sie zurück. Sie zog durch die Nase auf und drehte sich zu ihm herum. Seine Schulter tat ihm weh, vom langen Stillliegen auf dem harten Boden.
Sie sah ihn herausfordernd an. „Ich will nicht so tief da drinnen stecken.“ Ihre Stimme war heiser und leise. „Ich will raus hier“, zischte sie traurig, wütend.
„Ich stecke auch hier drinnen“, erinnerte er sie, „und ich kann auch nicht raus.“
Für eine ewige Sekunde schloss sie die Augen. „Ich habe dich vergessen.“
Etwas in ihm zuckte zusammen. Vielleicht war es sein Herz.
„Lass uns ein anderes Baby machen“, flüsterte er. Warum? Warum hab ich das nur gesagt?, fragte er sich. Was würde passieren, wenn ihr junger, zarter Körper wieder zu schwach wäre, um ein Baby festzuhalten? Dann würde alles noch schlimmer werden. Er hatte Angst. Angst um sie. Es war auch ein komischer Gedanke, immer für ein Baby da sein zu müssen. Vielleicht sollte es einfach noch nicht sein.
 
Sie antwortete ihm nicht. Sie zog nur wieder durch die Nase auf und ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. Er sah etwas Unbestimmtes in ihren Augen aufblitzen. Vielleicht war es Hoffnung.
 
Sie schloss die Augen und küsste ihn; tastend, suchend. Es fühlte sich gut an. Als wäre sie glücklich. Er wollte alles, was sie wollte. Er wollte, dass sie glücklich war. Er zog sie an sich, ganz nah, spürte sie endlich wieder. Spürte ihr Bein an seiner Hüfte, ihre Hände an seiner Schulter, kalt vom Fliesenboden. War das Glück?
Sie war wieder da, so wie er sie kannte, sie fühlte sich an wie immer, ihre langen Haare fielen auf sein Gesicht, er wollte sie sehen, sie sah aus wie immer, er küsste ihren Busen, sie schmeckte wie immer, sie stöhnte auf, sie hörte sich an wie immer. Glück! Das ist Glück, das ganz normale, wie immer, Glück und Zufriedenheit und Wärme. So tief. So weit weg. Tränen. Heiße Tränen.
 
Sie hatte die Augen zu und bemerkte seine Tränen trotzdem. Sie umarmte ihn, und ließ ihn nicht mehr los. Er lag einfach da. In ihren Armen, ganz nah, so unbequem, so schön. Und sie küsste ihn wieder.-©2009Patricia Radda

„Es“ von Patricia Radda

Es

 
2001. Er berührt mich mit der Hand. Ein heißer Schauer läuft mir über den Rücken. Ich habe eines meiner weiten Lieblings-T- Shirts an, eine Gänsehaut überzieht plötzlich meine Unterarme und meine Hände sind eiskalt. Meine Lippen sind ganz trocken und ich kann ihn nicht ansehen. Ich spüre seinen Atem nahe bei meinem Gesicht- so nahe mag ich ihn nicht bei mir haben.
Ich starre weiter auf mein Englischvokabelheft, das ich ihm vorbeigebracht habe.
Er streichelt meine Wange, und ich denke an Simmy. Der war so anders. So einfach und niemals fordernd.
Daniel beugt sich zu mir vor und küsst mich auf meine trockenen Lippen. Seine Zunge tastet sich vor, sie ist unangenehm, irgendwie zu groß und zu nass und zu nahe, viel zu nahe an meiner Zunge. Seine Zunge ist jetzt wirklich an meiner Zunge, aber sie macht nichts mehr. Sie liegt einfach nur auf meiner Zunge drauf und ich denke mir: Okay, das ist also küssen. Wie eklig. Er hat das wohl noch nicht oft gemacht. Ich bin elf Jahre alt, ich bin noch nie geküsst worden. Aber gut, es ist kein Verlust, so etwas nicht kennen zu lernen.
Ich bin froh, als er wieder aufhört und Luft holt. Aber es ist noch nicht vorbei.
Er legt seine Hände auf meine Schultern und dreht mich zu sich. „Ich gehe jetzt besser.“, flüstere ich. „Des haßt: I geh hiezan bessa.“, flüstert er zurück und packt mich fester bei den Schultern. „Du gehst nit.“
„Aber…“
Ich seinen Augen sehe ich etwas, was ich noch nie gesehen habe. Er ist so ernst und drohend. Er küsst mich noch mal, schließt seine unheimlichen Augen dabei. Seine Hände gleiten unter mein T-Shirt, ich habe keinen BH an, obwohl ich zwei Stück besitze, einen schwarzen und einen weißen.
„Hör auf!“, ich schrecke empört/verstört zurück und stoße seine Hände von meinem Busen weg.
„Nein!“, schreit er mich an. „Ich höre nicht auf. Aber du bist leise! Halt die Klappe!“
Er zieht mir die Hose aus, und sich selbst auch. Ich stand halbnackt vor ihm und hab mich nicht gewehrt. Mir rannen die Tränen hinunter und ich dachte immer wieder: „Nein, nein, nein!“
Seine Hände griffen nach mir, er fuhr über meinen Bauch und meinen Hintern und plötzlich wusste ich, wie falsch es war, alles was er tat, war so falsch!
Ich stieß seine Hände weg, er schlug mich mitten ins Gesicht.
Fassungslos blieb ich stehen, da presste er mich an sich und ich fühlte seinen Penis.
Ich erschrak fürchterlich, so wie wenn man mit verbundenen Augen irgendwo hineingreift und etwas vollkommen Grausiges fühlt, eine klebrige Gummispinne oder diesen quietschgrünen Schleim.
Ich schrie also erschrocken auf, schlug um mich und stieß ihn so fest wie möglich von mir weg. Ich bückte mich nach meiner dünnen Stoffhose, doch er war schneller und warf sie aus dem Fenster. Er drückte mich auf sein Bett und trommelte mit den Fäusten auf meinen Bauch und meine Beine. Ich weinte verkrampft und flehend, stieß ihn immer wieder weg. Mein ganzer Körper tat weh und ich wusste, dass er nicht aufhören würde, mich zu schlagen, bis ich tot oder er zufrieden wäre. Ich ramme mit voller Wucht mein Bein in seinen Bauch. Er taumelt ein paar Schritte zurück, knallt mit dem Kopf gegen seinen Kleiderkasten. Ich schlüpfe in meine Unterhose und springe aus dem Fenster. Gott sei Dank ist das Haus in einen Hügel gebaut und das Fenster des Erdgeschosses ist höchstens einen Meter über dem Boden. Ich ziehe schnell meine Hose an und renne weg. Lange kann ich nicht rennen, schon bei der Ortstafel, ca. 300m weiter, wollen meine Beine nicht mehr. Für den Weg, für den man normalerweise eine Viertelstunde oder zwanzig Minuten braucht, nehme ich mir heute eine dreiviertel Stunde Zeit. Ich komme nach Hause, lege mich ins Bett und weine. Meinen Eltern und meinen Geschwistern fällt es nicht auf.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich von der Schule nach Hause komme und weine.
 
2005. Ich stehe beim Busbahnhof, der Bus hat wieder einmal Verspätung. Immer, wenn es regnet. Ich höre ein komisches Geräusch, schaue hin und drehe mich angeekelt wieder weg. Der Obdachlose, der hier immer herumhängt, uriniert keine zwei Meter weit weg von mir. Ich sehe also in die andere Richtung. Mein ganzer Körper scheint zu zittern, als ich ihn sehe. Oder war es nur eine Einbildung? Daniel steht da drüben, bei der Trafik und holt sich Zigaretten aus dem Automaten. Ich starre hin. Jahrelang habe ich nichts von ihm gehört. Ich bin zu meiner Omi zurück nach Wien gezogen, bald nach der Geschichte damals, ich habe zwar niemandem davon erzählt, aber alles schien besser zu werden. Doch, ist eindeutig er. Mein Exfreund kommt um die Ecke, noch nie war ich so froh, ihn zu sehen. „Kennst du schon die neue CD von La vela puerca?“, frage ich ihn. Er bleibt verwirrt stehen, nickt dann. Merkt trotz dem hohen Trottelgehalt in seinem Hirn, dass ich panisch bin. „Was ist los?“, fragt er. Es interessiert ihn nicht, denke ich, erzähle es ihm aber trotzdem. Er kennt die Geschichte schon, halb. Es gibt Gerüchte. Der Bus kommt, ich sehe wie Daniel einsteigt, ich drehe mich um, gehe in die Bibliothek. Sehe, wie mein Exfreund in den anderen Bus einsteigt. Denke, Scheiße, jetzt muss ich wieder eineinhalb Stunden warten. Die Bibliothek schließt um vier, also stelle ich mich wieder in den Regen. Es ist warm, es macht nichts. „Versteckst di vor mia?“, höre ich eine Stimme. Scheiße. „Lass mich in Ruhe.“ Er grinst, er stinkt nach Zigaretten und er grinst, als wäre er der Sieger. „Des haßt: Loss mi in da Rua. Lern redn, Scheiß-Wienerin.“ Ich spüre, wie mir Tränen die Augen ganz heiß werden lassen, drehe mich weg. Darauf hat er gewartet. Er packt mich am Arm, drängt mich, weiter zu gehen, immer weiter. Unter dem Dach zückt er ein Messer und drückt mich gegen die Wand. Was soll ich tun? Lass mich los, geh weg. Ich starre auf einen Fleck, an einer Stelle des Hauses ist der Verputz abgebröckelt. Tränen rinnen mein Gesicht hinunter. Er hält mein Kinn zwischen seinen Fingern.  „Lass sie los, du arme Sau.“, sagt eine Stimme von rechts. Ich bewege mich nicht, nur die Augen. Das ist dieser Typ aus meiner Klasse, über zwei Meter groß, ich habe noch keine zwei Worte mit ihm gesprochen. Daniel lässt mich los, ich renne.
 
2007. Es ist komisch, hier zu gehen. Es ist komisch, überhaupt daran zu denken. Und jetzt geh ich zu ihm. Es ist verrückt. Ich möchte weg von hier. Ich denke
         Wenn ich eine Weile ganz leise gehe, und mich dann umdrehe und zurückgehe, dann merkts vielleicht niemand.
 
Doch die Ärztin bleibt schon stehen. Sie hat Mitleid im Gesicht. Schlecht überspielten Hochmut auch. Mitleid ist unangebracht. Sie sagt
Tja. Es tut mir leid. Wir konnten nichts mehr für ihn tun. Aber er hat fast nicht gelitten, es ging relativ schnell.
Ich schweige. Seine Mutter neben mir, sie schweigt auch. Also öffnet die Ärztin die Tür. Zu seinem Zimmer. Ich denke
         Da liegt eine Leiche drin, also lass doch um Himmels Willen die Tür zu!
 Mist. Er hat nicht gelitten. Er hat sich tatsächlich einfach aus dieser grausamen Welt weggeschafft. Er hat mich nicht mitgenommen.
 
Ich starre ihn an. Ich habe meine Gefühle nicht mehr unter Kontrolle. Ich fühle Schadenfreude. Neben mir sinkt seine Mutter zusammen. Ich erschrecke vor meinen Gedanken.
Würde ich um so einen Sohn weinen?
 
Mir wird kalt, die Temperatur hier drinnen ist nicht gerade warm. Ich sehe auf ihn herunter. Er hat aufgequollene Augen und ein blutverschmiertes Gesicht. An den Händen trocknet das Blut bereits.
Daniel, warum hast du nicht gelitten?
Daniel, warum hast du mich nicht mitgenommen?
Warum hast du dich einfach erstochen?
Das tut doch sauweh, oder?
 
Aber er gibt mir keine Antwort. So wie er mir nie geantwortet hat. Ich hasse ihn. Mit all meiner Kraft und Liebe. Ich wische der Mutter die Tränen mit meinem letzten frischen Taschentuch ab, sage
Alles wird wieder besser. Irgendwann.
Sie sieht mich an, nickt zuversichtlich, schnieft noch einmal und sagt
Danke, dass du gekommen bist. Versprich mir, dass du dich nicht umbringst, ja?
Ich verspreche es ihr, sie geht. Ich bin allein. Ich habe Angst. Als er noch lebte, wusste ich wovor ich Angst hatte. Jetzt weiß ich es nicht mehr. Ich gehe los. Richtung Eingang. Mia Elfe steht dort. Viel zu dünne Beine, und ewig lang sind sie auch. Sie ist eine gute Freundin von mir, also meine Einzige. Außer dem hat sie zwei Zentimeter lange Haare, die sie alle paar Monate anders färbt. Sie sieht gut aus und das weiß sie. Sie fragt
Na, geht’s?
Ich sage nichts. Sie fragt
Wars so schlimm?
Ich schüttle den Kopf. Sie sagt nichts, ich weiß, sie will, dass ich rede. Ich will nicht reden.
Ich geh zum Eingang. Wir wollen ja hinaus. Ein Mann kommt neben mir zu stehen. Er fragt
Du hast den Selbstmörder gekannt, oder?
Tut mir echt Leid.
Weißt du mehr darüber?
Ich weiß, es ist ein schlechter Zeitpunkt.
Journalisten dürfen nicht wählerisch sein.
Hier ist mein Ausweis.
Man muss es bei jedem probieren.
Er fuchtelt mit einem kleinen rechteckigen Ding vor meinen Augen herum. Wer soll denn da was erkennen? Von seinem ganzen Monolog kriege ich nur eines mit: Es tut ihm Leid. Ich stelle fest:
Sie wissen ja gar nichts.
Er nickt. Schaut mich fragend an. Er sagt:
Deshalb frag ich ja.
Ich starre ihn an. Mia Elfe legt die Arme um mich. Ich würde mich gerne fallen lassen. Aber wie sieht das denn aus?
Wenn es dir Leid tut, ist es deine Schuld. Dieses Arschloch hat mich vergewaltigt.
Okay? Weißt du was das heißt?
Ich hoffe die ganze Zeit,
er hat sich deshalb getötet.
Aus schlechtem Gewissen.
Aber so ein Typ hat kein
schlechtes Gewissen.
Er hat gar keines!
Mia Elfe bringt mich nach Hause. Sie fährt gleich weiter. Ich lege mich ins Bett und weine. Meinen Eltern und meinen Geschwistern fällt es nicht auf.
Es ist wird das letzte Mal sein, dass ich von der Schule nach Hause komme und weine. –  © Patricia Radda

„Arme Frau“ von Patricia Radda

Arme Frau

Die Burg, in der Ihre Majestät jetzt wohnt, ist ein Rattenloch. Nicht schön, dafür kalt; wie ein Gefängnis. Ich stehe in einer kleinen, engen Gasse in der Nähe eines hinteren Einganges. Eine kleine Frau kommt auf mich zu. Mit Furcht in den Augen begrüßt sie mich. Sie nickt mir zu, also soll ich ihr wohl folgen. Die Dienerin ist nett anzusehen. Ihr Haar ist unter einer Haube ordentlich versteckt und ihr Kleid ist sehr fein. Als ich klein war, wollte ich immer solche Kleider tragen, der weite Rock schwingt bei jedem Schritt.

Dunkel ist es. Die Königin ist ungepflegt. Kleidung und Haar sehen aus, als hätte sie tagelang nicht darauf geachtet. „Juana la loca[1]“ nennt man die Herrin jetzt. Überall auf den Straßen wird es geflüstert. Einsam ist sie. Und traurig. Das spüre ich sofort. Das Volk hat recht, verrückt sieht sie schon aus. Als sie mich ansieht, da denke ich nur „arme Frau“, nicht „verrückte Frau“.

Sie stiert mich mit ihren leeren Augen an. Sieht sie mich tatsächlich? „Kannst du es?“, flüstert sie plötzlich.

Lies weiter auf Bookrix

„Der Herzschlag“ von Patricia Radda

Der Herzschlag 

 
 
Der Test ist positiv. Ich starre an die Wand. Wow. Ich bin schwanger. Ich bekomme ein Baby.
„Verena, du bist schwanger.“ Das sympathische Gesicht meiner Frauenärztin taucht vor mir auf. „Ja, ich weiß.“, flüstere ich. „Du scheinst weder entsetzt noch glücklich zu sein. Also, viele …Mädchen in deinem Alter…verdrängen die Schwangerschaft, sie versuchen, alles zu ignorieren, was damit zusammenhängt.“, versucht mich die etwa vierzigjährige Frau mit den knallroten Haaren aus meinen Gedanken zu reißen. „So bin ich nicht.“, höre ich mich sagen. Meine Stimme klingt sehr fest und sehr selbstsicher. „Ich werde ein Baby bekommen. Ich weiß es. Ich …es ist… okay.“
 
Ich gehe die Straße entlang, ich könnte sie mit verbundenen Augen gehen, ich kenne sie gut. Heute ist sie anders. Heute ist alles anders. Alles ist fremd. Ich taste in meiner Jackentasche nach meinem Handy. Soll ich es jemandem erzählen? Wen geht es was an? Wer kann mir helfen? Denn ich brauche Hilfe, ich weiß es. Meine einzige Freundin hasst telefonieren. Wir beschränken uns auf SMS. Soll ich es etwa meiner Mutter erzählen? Sie hat früher immer gesagt: „Bevor du ein Baby in den Mistkübel wirfst, bringst du es zu mir.“ Meint sie das ernst? Will sie mir helfen? Kann sie mir helfen?
Schließlich komme ich nach Hause. Ich ziehe im Zeitlupentempo meine Schuhe aus, gehe ganz langsam die Stufen zu meinem Zimmer hinauf und dann schlafe ich ein. Mein Bauch fühlt sich komisch an. Und mein Kopf auch. Ich muss aufwachen. Ich muss leben und lebendig sein, ich muss nachdenken, damit ich leben kann und damit auch …mein Baby lebt. Ich muss Geld verdienen, irgendwoher muss das Geld kommen.
Meine Eltern haben kein Geld.          Ich hole eine Zeitung. In allen Jobs braucht man Erfahrung, die habe ich nicht. In allen Jobs braucht man eine abgeschlossene Ausbildung, die habe ich nicht. Irgendwann schlafe ich wieder ein.
Der Wecker klingelt, ich dusche. Mein Körper sieht nicht anders aus als sonst. Ich streichle meinen Bauch. Doch, er fühlt sich ganz anders an. Ich greife ganz automatisch zu meiner Bürste, meiner Creme. Ich will eine der kleinen blassrosa Pillen herausdrücken, muss dann aber lächeln. Keine komischen Hormone mehr.
 
„Ich bin schwanger.“, flüstere ich. Mark sieht mich an, beugt leicht den Kopf vor, hofft, er hat sich verhört. „Ich dachte, du nimmst die Pille.“, wirft er mir vor. „Ja. Manchmal funktioniert´s halt nicht.“, sage ich. „Kann man doch wegmachen, oder?“ Er starrt auf den Boden. „Wegmachen? Es ist ein Baby. Ein echter Mensch. Ich will es haben.“ Ich berühre seinen Arm. Er zuckt zusammen, meine Finger sind eiskalt. „Wieso sagst du mir solche Dinge? Ich bin nicht der Vater, ich will das alles nicht wissen!“ Er schüttelt meine Hand ab und wehrt sich wie ein kleines Kind. „Aber… nur du kannst der Vater sein. Ich hab ja nur mit dir geschlafen.“ Er wird wütend, ich sehe es in seinen Augen. „Ich gehe jetzt. Wenn du reden willst…“ Ich gehe und rede. Die Stufen sind ewig lange heute. Jemand kommt mir nach. Es ist Sebastian, er wohnt mit Mark zusammen. „Hey.“, sage ich. „Hi. Ich …er wird dir helfen, ich kriege ihn schon dazu.“ Dann verschwindet er wieder nach oben. Es ist mir egal.
Ich gehe die Straße entlang, plötzlich rennt mich jemand um. Ich versuche mich irgendwo festzuhalten, doch es ist Nichts da, woran man sich festhalten kann, also falle ich auf die Straße. Da kommt ein Auto, steh auf! Das Auto bremst schneller, als ich reagieren kann.
Der Fahrer fährt mich ins Krankenhaus. Er ist ausgeflippt, weil ich am Bein blute, und mein Arm ist auch aufgeschürft. Ich denke, okay, alles ist okay. Macht doch mit mir, was ihr wollt.
 
Eine verrückte Frau kommt in mein Zimmer; alles an ihr ist verrückt: die Art, wie sie sich bewegt, sich anzieht, redet, ihre Haare, Finger, Augen- alles sieht leicht verrückt aus.
„Ich würde gerne auch noch eine gynäkologische Untersuchung machen.“, sagt sie.
„Ich war aber erst bei meiner Frauenärztin, sie meint es ist alles in Ordnung.“
„Ja, aber das war vor dem Unfall, nicht wahr?“
„Ja, aber das Auto hat mir nichts getan, ich bin gestoßen worden und lag schon auf der Straße als das Auto kam.“
„Ich weiß, schon klar, aber wir wollen trotzdem auf Nummer sicher gehen.“ Sie glaubt mir nicht.
 
Ich versuche mich zu entspannen. „Warum machen Sie so ein Gesicht?“, frage ich plötzlich. Sie schaut besorgt drein. „Verena, es tut mir Leid, aber ich… es gibt keinen Herzschlag. Seit wann bist du denn schwanger?“ Was soll das heißen? Ich rechne. „Seit etwa sechs Wochen. Wieso?“
„Verena, dieses Baby lebt nicht mehr. Es ist tot.“ Nein, nein. Nein. Ich weiß, dass es lebt. Ich weiß es. Tränen rinnen über mein Gesicht. Ich halte sie nicht auf.
 
Erst eine Woche später hat der Killer Zeit. Der Killer, so nenne ich den Typ, der das Baby aus mir herausnehmen wird. Er wird es wegmachen. Das Krankenhaus hat ihn empfohlen. Wie kann man bei so etwas empfohlen werden, das ist einfach nur schrecklich.
Ich gehe dorthin und spüre, es ist falsch. Mein Baby lebt. Mein Baby ist tot. Mein Baby ist tot. Ich sage es immer wieder in meinem Kopf, obwohl ich weiß, dass es falsch ist. Ich will mein Baby.
 
Herein kommt ein komischer Typ, ein paar Jahre älter als ich selbst. Ich kann nicht verhindern, dass meine Augenbrauen nach oben wandern. Der Typ ist kein Arzt.
„Ich mache jetzt noch eine Untersuchung, und in ein paar Minuten kommt der Herr Doktor und dann geht’s los, okay?“
Ich nicke nur.
Der Typ schaut plötzlich verwirrt auf.
„Hier steht, dass das Baby tot ist, aber es lebt.“, murmelt er, eher zu sich selbst.
WAS?
„Hör zu, hier ist der Herzschlag, hörst du ihn? Er ist da. Dein Baby lebt.“ Nein. Sie haben doch gesagt, es ist tot, im Krankenhaus, sie haben es gesagt!
Er ruft nach jemanden. Sie wirbeln um mich herum. Ich weine. Sie untersuchen mich und ich weine. Sie rufen noch einen Arzt dazu.
„Es war doch tot. Wie geht das denn, es war doch tot?“, flüstere ich.
„Okay, ich beantworte deine Fragen, ja? Beruhige dich. Es ist alles in Ordnung.“, ein Mann, der sicher älter ist als meine Frauenärztin, nimmt meine Hand. Normalerweise ist das unangenehm, bei ihm nicht.
„Also, es ist so. Der Herzschlag eines Babys entwickelt sich in den ersten sechs Wochen der Schwangerschaft. Du bist jetzt vermutlich in der siebenten Woche, richtig? Womöglich hatte dein Baby noch keinen Herzschlag, als du im Krankenhaus warst. Wahrscheinlich sogar, denn sonst hätten sie …“
„Sie konnten noch gar keinen Herzschlag feststellen? Da war noch nichts da? Wieso sagen sie denn so was? Die im Krankenhaus müssen sich bei so etwas doch sicher sein. Mein Baby lebt.“, stottere ich unter Tränen. „Mein Baby lebt.“
„Ja.“, erwidert er leise. „Hör dir doch den wunderbaren Herzschlag an!“
Ich höre und weine und lache. Mein Baby lebt.-© Patricia Radda
 
Nach einer wahren Begebenheit
(geschrieben am 31. Okt. 2006)
Platzierung: 1. Preis, Kategorie: Höhere Schulen/Kurzprosa, Wettbewerb: Hainburger Jugendautorenwettbewerb