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„529“ von Christine Teichmann – History Slam Online

Es ist immer schade, wenn eine Veranstaltung, in die man schon viel Zeit und Organisation investiert hat, nicht stattfinden kann. Das ist jetzt schon der zweite Grazer History Slam, den wir ca zwei Wochen vorher absagen müssen.

Ich bin froh, dass, wie auch letztes Mal, der dazugehörige Workshop noch abgehalten werden konnte.

Diesmal haben wir die Veranstaltung ins Internet verlegt und nicht komplett absagen müssen. Die Interviews und die Performances werden von Florian Supé und Christine Teichmann aufgenommen und von mir zusammengeschnitten, zu einem lieben, kleinen Video, das ihr euch bequem von zu Hause aus anschauen könnt.

Überall sagen die Leute, Kunst und Theater triffts am härtesten, und alles wird verboten, auch wenn es keine Cluster gibt, weil sich alle an die Hygienekonzepte halten. Aber ich verstehe auch, dass man eben lieben in Sicherheit bleibt, mit den Menschen, die man sowieso schon angesteckt hat, als rauszugehen und noch mehr Viren zu verbreiten. Das ist klar, dass Kunst und Kultur da als erstes wegfallen, weil man vieles eben auch von Zuhause aus genießen kann. Wenn man kann.

Mir fällt es immer schwerer, Inhalte zur Verfügung zu stellen, weil der kreative Input fehlt. Am meisten werde ich noch immer durch andere Texte und Menschen inspiriert. Und wenn ich zu Hause hocke und lese, dann werde ich eher an meinen großen Buchprojekten weiterschreiben, als kurze Minitexte zum sofort Veröffentlichen.

Dazu kommt, das die normalen Geldeinnahmequellen versiegen. Drei Workshops hätte ich im November gehabt, die wahrscheinlich eh nach irgendwann verschoben werden, aber man spürts. Ich hab während der letzten dreißig Jahre gelernt mit Geld zu jonglieren, ich bin es gewöhnt, aber irgendwie hab ich heute keine Lust auf „Kein Geld, kein Geld, kein Geld!“ Wenn ihr mir helfen wollt, klickt rechts oben: Ko-fi. Danke!

[Poetry Slam] Kaspar (nach Peter Handke)

Heute gibts mal ein Video.

Für die „Lange Handke Nacht“ am 18. Dezember 2017 durfte ich Peter Handkes Werk „Kaspar“ neu interpretieren.

Kaspar

K steht da. Verwundert. Verwirrt.

Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.

(beharrlich) Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.

(Frage) Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.

(freudig)Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.

(erleichtert) Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.

(Roboter) Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.

(Wut) Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.

(Ungeduld) Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.

(Angst) Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.

(Gruß) Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.

(Antwort auf Frage) Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.

(Befehl) Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.

(Bitte) Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.

(Singen) Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.

(poetry-rap-rythm-whatever) Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.

Du hast einen Satz. Du hast einen Satz, mit dem du dir alles sagen kannst. Du kannst dir alles sagen, was du den anderen nicht sagen kannst. Die anderen wollen dich durch Sprechen zum Sprechen bringen. Doch du hast einen Satz. Einen Satz voller Leben. Voller Gefühl. Dein Satz kann alles .Die anderen spielen Sprechen. Doch sie haben kein Leben. Sie haben keine Gefühle. 

Dein Satz ist nützlich. Du kannst ihn zu Ende sprechen. Du kannst Pausen machen. Ein Wort gegen das andere ausspielen. Eine Geschichte erzählen. Du kannst mit dem Satz Verrücktwerden, Verrücktsein und Verrücktbleiben. Du kannst dir nichts mehr vorstellen ohne deinen Satz. Du besitzt diesen Satz und du bist so glücklich. Du hörst dich. Du bist aufmerksam. Du kannst dich hinter dem Satz verstecken. Der Satz tut dir nicht weg. Die Stimmen tun dir weh. Die Stimmen tun dir weh. Die Stimmen hörne nicht auf.

Die Stimmen wollen, dass du lernst. Du hast einen Satz.

Die Stimmen wollen, dass du sprichst. Du hast einen Satz.

Die Stimmen wollen dich. Du bist ein Satz.

Du hast einen Satz. Du kannst dich nicht wehren gegen noch mehr Sätze. Sie prasseln auf dich ein. Die Stimmen nehmen dir den Satz weg.

(verwundert)

Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.

Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist.

Ich möchte. Werden wie einmal. Ein anderer. Ein solcher andrer. Einer. Gewesen ich. Wie ich werden. ist ich.

Dein Satz ist weg. 

Dein Satz ist weg!

Du hörst zu.

Du bist verwirrt. Du gewöhnst dich schon an andere Sätze. Gleich haben wir dich! Worte bleiben. Leere Worte? Brauchst du noch was? Du hast jetzt Sprache. du hast jetzt alles. Du hast Kopfweh. Wörter. Überall. Qual. Überall. Du lernst, zu ordnen. Du beginnst zu ordnen. Du beginnst, zu vergleichen. Jeder ist für seinen Fortschritt verantwortlich.

(Hände auf Kopf)

Merken! Nicht vergessen!

Merken! Nicht vergessen!

Merken! Nicht vergessen!

Merken! Nicht vergessen!

Merken! Nicht vergessen!

Hör gut zu. Du hast Worte.

Manche Sätze sind Luxus. Manche Sätze sind so – perfekt. Manche Sätze sind Zuhause. Jeder zweite Satz ist unvollständig. Störend. Unschön. Du kämpfst um Ordnung.

(Luft schnappen)

Alle Wörter an ihre Plätze! Alles, was am richtigen Platz ist, ist friedlich, ist freundlich, ist schön. Was schön ist, tut gut. Ich bin am richtigen Platz. Ich bin da. Ich beruhige mich. Ich erkenne mich. Ich bin … (Mundbewegungen)

„Braucht Literatur Performance?“ von Patricia Radda

Habt ihr es schon gehört? Ich habe meinen Namen in Estha Sackl ändern lassen. Die Zeitschrift „Die Brücke“ hat das anscheinend gedacht, denn sie hat unabsichtlich (hoffe ich doch) Esthas Namen und Bild und meinen Text abgedruckt.

Hier ist also der Text, den ich eingeschickt habe und der rechtlich gesehen vollkommen und vom ersten bis zum letzten Buchstaben mir gehört- und nicht der herzallerliebsten Estha. Folglich sollten auch alle Kommentare, Beschimpfungen, Anregungen oder Heiratsanträge an mich gerichtet werden und nicht an sie.

Braucht Literatur Performance? von Patricia Radda

Nein. Nein, natürlich braucht Literatur keine Performance. Die einzig wahre, echte, ästhetische Literatur ist schließlich jene, die alleine, tief versunken, an einem stillen Platz gelesen wird. Wörter, die vom Leser oder der Leserin genießend, die Fantasie anregend schnell verschlungen werden und sie dann niemals wieder loslassen, weil sie ein für allemal verzaubert haben.

Nein. Diese Literatur braucht natürlich keine Performance. Diese Literatur ist für eine Elite bestimmt. Diese Literatur ist für eine kleine Schar von Menschen, die, meist schon früh im Kleinkindalter von ihren Eltern, gezeigt bekommen haben, dass Bücher etwas Schönes sind. Eine Elite, die sich arrogant zu allen Fernsehern dieser Welt hinunterbeugt und sagt: „Ach, das Buch war so viel besser!“ Ich muss es ja wissen, ich gehöre zu dieser Elite.

Ich gebe mir nur Mühe, Brücken zu bauen. Ich verurteile Leute nicht, die mir gestehen: „Anna Karenina braucht soooo lange, bis sie drauf geht.“ Nein, ich verstehe euch. Ich will, dass auch diejenigen, die sich täglich nur zehn Minuten Zeit für Worte nehmen können (und dann ist es meistens ein Schundblattl wie die Krone) Literatur erleben. Ich will, dass Schüler*innen aus der Schule kommen und sagen: „Heute haben wir etwas Lustiges gemacht! Wir haben vorgelesen!“

Und eine dieser Brücken zwischen Literatur und Performance, zwischen zuhören und unterhalten werden, baut eben der Poetry Slam.

Was zum Teufel ist Poetry Slam? Du schreibst einen Text. Du stellst dich auf eine Bühne. Du liest den Text vor. Das Publikum entscheidet, ob der Text okay war oder gut oder super. Meistens gibt es ein Zeitlimit von fünf Minuten, gemäß dem guten, alten „Fünf Minuten überlebt man alles!“

Alle fünf Minuten hörst du einen neuen Text. Alle fünf Minuten hörst du eine neue Poetin. Alle fünf Minuten muss dein Hirn auf Null schalten, damit du dich drauf einlassen kannst. Also. Laut gelesene Texte sind immer Performance. Sobald sich Autorinnen hinstellen und aus ihrem Werk vorlesen, ist das schon eine Performance. Und jede Autorin wird mir zustimmen, wenn ich sage: „Bei Lesungen verkauft man mehr Bücher als sonst.“ Das liegt daran, dass Leute neugierig gemacht werden. Weil man sich als Schreiberin, nicht als anonyme Künstlerin, sondern als Mensch, hinstellt und sagt: „Hey, das zeige ich euch heute von mir!“ Und deshalb werden Slammerinnen auch intensiver gefeiert als Wasserglaslesungsautorinnen. Weil sie die Leute noch schockieren, mit allem was sie heute herzeigen können. Sogar die sensationsgeilen Boulevardblattlnleserinnen, auch die werden neugierig. Ganz besonders, wenn man die gesprochene Literatur und ihre fast unendlichen Möglichkeiten auskostet. Mit einem Blick, mit einem Augenbrauenzucken, mit einem Flüstern, mit einer Pause an der richtigen Stelle, mit einem Dialekt oder einem Schrei, wenn es keiner erwartet–! kann man Wörter verzaubern. Und dann werden sie noch mächtiger als sie eh schon sind.

Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit wurde mehr gelesen als heute. Aber eben im Internet. Lächerlich. Bücher sind wie Filme im Kopf. Toll. Gibt’s es etwas Besseres? Ja. Es gibt eine neue Sprache. Es gibt Texte, die werden geschrieben, um sie laut vorzulesen. Warte mal, das ist doch nichts Neues. Das hat Walther von der Vogelweide auch schon getan. Und auch er reiste von Ort zu Ort, um seine Lieder vorzutragen. Ach ja. Wir gehen nicht vor, wir gehen ja zurück. Altes, Bewährtes darf bleiben. Jammere nicht über zu wenige Leser*innen, gehe raus und schrei sie an. Bring sie zum Lachen, bring sie zum Weinen, aber bring Literatur zu ihnen. Denn von alleine kommen sie nicht mehr vom Computer weg. Literatur verändert sich. Verändere dich mit.

Und hier noch der Text von Estha Sackl.