Triggerwarnung: Geburt und viel medizinisches Zeugs.
Vaginismus ist, wenn sich dein Körper zusammenkrampft, wenn etwas in die Nähe deiner Vulva kommt. Finger, Tampon, Dildo, ganz egal, was. Es fühlt sich manchmal so an, als hättest du da unten kein Loch. Dein Körper kann komplett entspannt sein, die Berührungen auf deinem ganzen Körper können sich toll anfühlen, aber sobald etwas in die Nähe deiner Vulva kommt, krampft sich alles zusammen und du hast furchtbare Schmerzen.
In ganz seltenen Fällen ist Vaginismus ein rein körperliches Problem. Meistens kommt ein psychisches dazu. Das heißt, es ist üblich, dass man sich Vaginismus „antrainiert“. Zum Beispiel wird Vaginismus durch Vergewaltigung, eine traumatische Geburt oder eine Verletzung im Unterleib ausgelöst. Die Körperpartie erwartet dann immer Schmerz und dein Hirn schickt dann immer Schmerz. Eigentlich logisch.
Vaginismus kann man auch wieder abtrainieren. Zum Beispiel mit Hilfe einer Sexualtherapeutin oder auch ganz alleine. Weil ich mir die 400 Euro pro Stunde nicht leisten konnte, habe ich es alleine versucht. Es hat zwei Jahre gedauert, und dann konnte ich Tampons verwenden und penetrativen Sex zulassen, wenn auch noch nicht schmerzfrei.
Man arbeitet mit Meditation, Atemübungen und Dilatoren. Zum Beispiel: diese Dilatoren.
Nachdem ich es geschafft hatte, schwanger zu werden, was wie du dir vielleicht vorstellen kannst, nicht so leicht war, beschäftigte mich natürlich die Frage nach der Geburt. Für einige Leute in meinem Umfeld war komplett klar, dass ich natürlich einen Kaiserschnitt brauchen würde. Weil mein Körper ja immer Scheiße baut „da unten“. Aber ich wollte das nicht einfach so hinnehmen.
Schließlich las ich in einem Mamaforum, dass es manchmal sogar hilfreich sein kann, wenn man eine vaginale Geburt hat. Weil das Öffnen von innen etwas völlig anderes ist, als wenn von außen etwas hineinwill. Das weckte meine Hoffnung. Meine Frauenärztin meinte auch, dass ich es auf jeden Fall versuchen sollte. Aber sie meinte auch, dass ich unbedingt eine PDA verlangen sollte, einfach weil mir das nötige Selbstvertrauen fehlte.
Und das stimmte ja auch. Auf meinen Körper konnte ich mich nicht einfach so verlassen. Egal, wie viele Meditationen mir vorsagten, dass die Geburt ein natürlicher Vorgang ist und mein Körper dafür gemacht wurde. Sobald die Schmerzen schlimmer werden, bekomme ich Angst und traue meinem Körper nichts mehr zu.
Meine vaginale Geburt
Vor zwei Wochen kam mein Sohn zur Welt. Es ist so unglaublich und wunderschön diesen Satz zu schreiben, mir kommen die Tränen.
Nach einem Blasensprung kam ich früh ins Krankenhaus, sein Herzschlag war perfekt, meine Wehen noch unregelmäßig. Die Hebamme wollte unbedingt eine vaginale Untersuchung machen. Das ließ mein Körper nicht zu. Erst nach Schichtwechsel und zwei Stunden warten, schlug ich vor, dass es normalerweise auf eine Art funktioniert: Wenn ich meinen eigenen Finger einführe und sie dann meinen Finger mit ihrem Finger ersetzt. Da konnte ich mich endlich genug entspannen. So stellten wir fest, dass sich mein Muttermund bereits 3 cm geöffnet hatte. Das gab mir Mut. Ich spürte noch kaum Schmerzen, konnte die Wehen sehr gut veratmen. Und ich hatte schon 3 cm! Das kommt dir vielleicht nicht viel vor, aber wie gesagt, normalerweise fühlt es sich an, als hätte ich da unten gar kein Loch!
Auch im weiteren Verlauf konnte ich sehr gut mit den stärker werdenden Schmerzen umgehen. Als der Muttermund über 6 cm geöffnet war, schlug die Hebamme vor, eine PDA zu legen und ich stimmte zu. Nicht, weil ich die Schmerzen nicht mehr aushielt. Im Gegenteil, ich war angenehm überrascht davon, wie wenig Schmerzen ich spürte. Ich denke jetzt, ich musste schon so oft aushalten, vielleicht bin ich Schmerzen einfach gewöhnt? Aber ich dachte mir: Irgendwann, wahrscheinlich im blödesten Moment, wird mein Hirn aufgeben und mein Körper wird zumachen und ich werde nicht mehr können und nicht mehr aus meiner Panikattacke zurückfinden. Und deshalb habe ich eine PDA machen lassen. Vielleicht hätte ich es auch ohne geschafft. Aber vielleicht hätte ich eine Panikattacke bekommen und hätte dann doch einen Kaiserschnitt oder andere Interventionen gebraucht. Man kann es nie wissen.
Deshalb bin ich völlig okay damit, dass ich eine PDA hatte. Meine Mutter und meine Schwestern hatten bei allen Geburten keine Schmerzmittel. In Summe sind das neun Geburten, die in meiner Familie keine Schmerzmittel gebraucht hatten. Aber ich eben schon. Aber ich bin auch die Einzige mit Vaginismus.
Das Schmerzhafteste war die Geburt selbst: das Herauskommen des Körpers.
Bei einer PDA spürst du die Wehen noch, auch deine Beine. Doch du erhältst einen Harnkatheter und bist permanent an die CTG angeschlossen. Das heißt, bevorzugte Position ist Liegen oder Vierfüßlerstand. Vierfüßlerstand im Bett. Hat meinem Rücken sehr gut getan.
Ich konnte die Wehen sehr gut spüren, konnte also auch gut arbeiten. Mein Körper muss sich noch weiter öffnen, mein Baby braucht Platz, waren meine Gedanken. Und es hat funktioniert. Mein dämlicher Körper, der normalerweise nicht weiß, was Öffnen heißt, hat sich weit genug geöffnet.
Ich kann es jetzt noch kaum glauben.
Die Presswehen waren schlimm. Ich hatte (vielleicht wegen der PDA) überhaupt nicht das Bedürfnis zu pressen. Die Hebamme und dann auch die Oberärztin redeten mir gut zu, und sagten mir, wann ich einatmen und pressen musste, aber ich habe nicht das Bedürfnis gehabt. Und wenn ich mir andere Geburtsberichte durchlese, dann denke ich, dass sie vielleicht zu früh dran waren? Dass wir vielleicht noch ein bisschen gebraucht hätten? So musste ich eine gefühlte Ewigkeit Pressen und Atmen und Pressen und „die nächste Wehe nutzen wir jetzt richtig“. Meine Schwester hat gesagt, sie brauchte drei Presswehen, um ihren Sohn zur Welt zu bringen. Ich brauchte über zehn. Ich glaube wirklich, ich war noch nicht so weit.
Wenn das Baby halb aus dir rausschaut, dann tut es am meisten weh. Aber das dauert nicht lange. Und dann kommt da ein echtes Baby aus dir raus. Es ist einfach da. Und es schreit und du legst es dir auf die Brust und alles ist gut.
Neugierig war ich auch auf die Plazenta. Die Hebamme hat sie mir genau gezeigt und erklärt. So eine große Wunde ist jetzt in meiner Gebärmutter. Klar, dass das ewig braucht, um zu heilen.
Und dann wurde ich auch schon genäht. Ich bekam vier Spritzen (das tat gar nicht weh, man spürt es aber schon). Und dann nähten sie über eine halbe Stunde an mir herum. Ich hatte einen Dammriss zweiten Grades. Nicht lang, aber tief. Der Muskel wurde verletzt und sie mussten das erstmal rekonstruieren. Creepy Gefühl, wenn man spürt, wie der Faden durch einen durchgezogen wird. Aber natürlich tut es nicht weh, man fühlt es nur.
Nach über einer Stunde wurde mein Sohn dann untersucht, abgetrocknet und bekam eine Windel. Dann durfte ich ihn wieder zu mir nehmen, und mir wurde etwas zu essen gebracht.
Natürlich wurde auch irgendwann die PDA entfernt, aber ich weiß nicht mehr genau, wann. Ich durfte drei Stunden mit meinem Sohn kuscheln, bevor ich aufs Zimmer gebracht wurde.
Mein Kreislauf war im Keller. Ich hatte wohl sehr viel Blut verloren und konnte nicht gehen. Sie haben gesagt, ich soll sofort versuchen, aufs Klo zu gehen. Das hat ja noch funktioniert, aber aufstehen konnte ich nicht mehr, weil mein Kreislauf nicht mehr wollte. Sie haben also gesagt, ich muss für alles nach einer Schwester läuten. Ich durfte nicht alleine aufstehen, nicht aufs Klo gehen, nicht duschen, nicht mein Kind wickeln oder hochheben. Ich saß also nur im Bett, mein Sohn neben mir. Eigentlich wollte ich nur schlafen. Aber ich konnte nicht. Ich lag nur da, und hab meinen Sohn beobachtet, bin immer wieder weggedöst.
Ich habe dann am nächsten Tag eine Eiseninfusion bekommen, weil meine Eisenspeicher komplett leer waren. Wegen der Narbe habe ich immer wieder Ibuprofen genommen.
Ich war noch nie so zufrieden mit meinem Körper. Ich hätte vorher nicht gesagt, dass ich auf irgendetwas „stolz bin“. Aber als ich gesehen hab, dass da ein Baby aus mir rausgekommen ist, ohne dass ich vor Schmerzen in eine Panikattacke gerutscht bin, war ich stolz auf mich. Ich hatte keine Angst. Ich habe immer gewusst, dass ich es schaffen kann – außer während der Presswehen. Da war ich ein paar Wehen sogar komplett davon überzeugt, dass ich es nicht schaffe. Da hat mein Kopf schon zu rattern begonnen: Was werden sie jetzt als Nächstes vorschlagen? Was für Interventionen kommen jetzt? Aber ich konnte mich dann wieder konzentrieren und beschloss, weiter zu machen, wie die Hebamme will.
Als ich mich dafür entschieden habe, ins Krankenhaus zu gehen (am Anfang der Schwangerschaft), habe ich mich mental darauf vorbereitet, dass ich ein Stück der Verantwortung abgebe. Dass die Ärztinnen und Hebammen im Krankenhaus das Fachpersonal sind, denen ich vertrauen muss. Das war super schwierig für mich, flexibel genug zu sein, um fremden Menschen so zu vertrauen. Schichtwechsel während meiner Geburt war zum Beispiel richtig schwer für mich. Weil ich dachte: Mist, die Hebamme mochte ich doch, warum geht die jetzt? Man muss sehr flexibel bleiben und trotz allem auch noch entscheiden. Passt mir das jetzt noch oder sage ich was? Schlage ich etwas vor oder warte ich, bis mir etwas gesagt wird? Wehre ich mich, wenn ich etwas nicht will oder ist es einfach nicht wichtig genug?
Flexibel ist, glaube ich, das wichtigste Wort im Mantra. Ich habe mir Meditationen angehört, zur Wehenverarbeitung, aber auch, um ruhig zu bleiben. Keine Angst. Keine Schmerzen. Nur Entspannung und Öffnen.
Allen, die Vaginismus haben, kann ich nur empfehlen, eine vaginale Geburt zu versuchen. Aber sichere dich ab, mit allem, was du brauchst. Ob das Meditation ist oder Schmerzmittel oder beides. Entscheide dich nicht für einen Kaiserschnitt, weil du denkst, dass es leichter ist. Nicht aus Angst. Versuche schon, während der Schwangerschaft (oder davor) an deiner Angst zu arbeiten. Ein Kaiserschnitt macht vielleicht die Geburt leichter, aber die Heilung dauert länger. Du kommst nicht um die Schmerzen herum. Auch das Stillen ist anscheinend schwerer.
Ich persönlich habe die Schmerzen vor der PDA nicht als sehr schlimm empfunden. Ich habe Geburtsberichte gesehen und gelesen, wo Frauen schon bei den ersten Zentimetern vor Schmerzen abbrechen wollten. Zu dem Punkt bin ich nie gekommen. Es hat weh getan, ja, aber es war nie unerträglich. Und später konnte ich mich durch die PDA entspannen, was total wichtig war für das Öffnen des Muttermundes. Vielleicht hätte ich mehr Dammmassagen oder andere Beckenbodenübungen gebraucht, um einen schweren Dammriss zu verhindern. Die Geburtsverletzungen haben mich in den ersten Tagen außer Kraft gesetzt. Es vergingen fast zwei Wochen, bis ich schmerzfrei Sitzen oder Stehen konnte.
Ob sich wirklich der Vaginismus verringert, kann ich natürlich jetzt noch nicht sagen. Es war einfach nur die Erfahrung, die mich überwältigt hat. Mein Körper hat es tatsächlich geschafft. Das ist eine Situation, in der ich noch nie war. Ich war von meinem Körper positiv überrascht. Ich habe es wirklich geschafft. Und die Erfahrung ist schon unglaublich wertvoll und ich bin sehr dankbar.


