„Les Misérables“ im Stadttheater Klagenfurt

Wie ich bereits vor einigen Monaten herausgefunden habe, kann auch Theater süchtig machen. Wäre auch nicht schlimm, wenn es nicht so viel kosten würde. Meine große Begabung scheint leider zu sein, dass ich andere Leute damit anstecken kann. Meine Schwestern, zum Beispiel. Nachdem ich mit meiner Schwester Victoria Les Misérables gleich nach meinem Geburtstag gesehen hatte, waren wir beide ziemlich elektrisiert. Kein Wunder, meine Eltern schenkten mir Karten in der ersten Reihe. Wir mussten uns nur vorbeugen, schon konnten wir das Orchester begutachten. Wenn ich die Hand ausgestreckt hätte, hätte ich dem Dirigenten die Schweißtropfen abwischen können.

Das einzige Minus, das ich finden konnte, waren die Reime. Heilige, wenn ich das machen würde, würde mann mich aufknüpfen. Reim dich oder stirb hätte nicht auffälliger sein können, was natürlich gar nichts mit der Aufführung zu tun hat, sondern eher mit der Übersetzung. Naja, was soll man machen?

Wie immer, musste ich mir natürlich irgendwie die Musik beschaffen. Was sich bei der Dreigroschenoper als unmöglich herausstellte (die Aufnahmen sind aus den 1930er Jahren, und keine Musicalstimmen, deshalb klingt das im Allgemeinen ziemlich seltsam), ging hier ganz leicht. Die CD von 1989 klingt recht ähnlich, und dank itunes hatte ich das ganze am nächsten Tag am Computer.

Meine andere Schwester Sabrina spielt Querflöte, singt/sang in einigen Chören und besuchte einige Jahre ein Musikgymnasium. Sie ist also eine Musikerin. Sie hört falsche Töne, richtige Töne, kann Instrumente benennen, wenn sie eine Viertelsekunde zugehört hat; und zwar Instrumente, von denen ich noch nicht einmal wusste, dass sie überhaupt schon erfunden worden sind.

Jedenfalls verzieht sie bei einigen CDs das Gesicht, weil eine Gitarre oder eine Stimme den Ton nicht trifft. Mich zu beeindrucken ist nicht weiter schwer, aber ihr zu gefallen, schaffen nicht alle.

Mir ist beim ersten Mal LesMis anschauen nur Javerts (also Erwin Windeggers) Stimme aufgefallen. Wow. Damit war Sabrina soweit einverstanden. Erst als Jean Valjean (folglich Daniel Prohaska) „Bringt ihn heim“ auf der Barrikade singt, zogen sich ihre Augenbrauen hinauf und sie drehte sich verblüfft zu mir um. Wie hoch kann ein Mann singen? Natürlich hat Sabrina trotz ihres Erstaunens ihren Humor nicht verloren: sie winkte mich zu sich und flüsterte in mein Ohr: „So hoch kommst nicht rauf, hmmm?“ Nein, natürlich nicht. Meine Güte, kann der Typ singen!

Cosette (Martina Dorothea Rumpf) mit ihrer gellenden Opernstimme fiel uns seltsamerweise nicht weiter auf. Viel Lob hatte sie aber auch wieder für Enjolras (Otto Jaus) übrig.

Marius (Jesper Tydén) und Eponine (Ina Trabesinger) sind einfach da und brav, ähnlich wie Cosette: großartige Stimmen, ja, aber sonst einfach nicht auffallend.

Die komischste Figur auf der Bühne, war wieder einmal Dagmar Hellberg, die, wie auch schon in der Dreigroschenoper, die Lacher auf ihrer Seite hatte, trotz (gerade weil) die Figur (diesmal die Madame Thénardier) einfach königlich witzig ist.

Am beeindrucktesten sind am ganzen Stück die Massenszenen. Während man bei „Leichte Mädels“ leicht geschockt nicht weiß, wo man zuerst hinsehen soll und man bei „Ich bin Herr im Haus“ ständig lachen muss, hat man bei „Morgen schon“ den Drang aufzustehen, und alle zur Revolution aufzurufen.

Die Zeile „Zu lieben einen Menschen heißt das Antlitz Gottes sehn“ gibt einem dann einen Hoffnungsschimmer, den man nach den ganzen Toten eigentlich nicht zu spüren gewagt hätte. Alles in allem, wundervoll!

Der Vorteil, wenn man ein Stück öfter sieht, ist, dass man Unterschiede erkennt. Zum Beispiel ging Gavroche einmal der Text aus und es sang nur noch lalala. Was auch beachtenswert ist, wenn man bedenkt, dass die Gedanken dann ja eigentlich nur von „Scheiße, Text?!“ beherrscht werden.  Übergangsloses LaLaLa ist also nicht ganz ohne. Man kann nur hoffen, dass im Café nicht wieder ein Stuhl umfällt, auf den jemand draufsteigen soll.

Meine Lieblingslieder hab ich wieder eingetextet:

Rot und Schwarz  : http://patriciaradda.wordpress.com/2009/07/24/lyrics-deutsch-rot-und-schwarz-aus-les-miserables/

Schaut her: http://patriciaradda.wordpress.com/2009/07/24/lyrics-deutsch-schaut-her-aus-les-miserables/ 

Das Lied des Volkes : http://patriciaradda.wordpress.com/2009/07/24/lyrics-deutschdas-lied-des-volkes-aus-les-miserables/

„Die Flut“ von Patricia Radda

Mach dir keine Sorgen, alles ist gut

Warte auf Morgen, friss deine Wut

Ohne genau Denken, ohne deinen Mut

Lass dich einfach lenken, trockne dein Blut

Lass es einfach zu, stocher nie in der Glut

Sei einfach nie du, bis sie über dich kommt, die Flut

Die Flut an Hass, die Flut an Ärger und Rachelust

Die Flut an Zweifel, an Gewissen, dass du etwas tun musst

Das Wissen, dass du brennst, wenn du nichts mehr sagst

Das Wissen, wenn du rennst, du noch immer daran nagst

Denk genau mit, und dann vergiss auf die Rache

Sieh genau hin, und verstehe was ich mache

Pass genau auf, und versuche die Sache

Wenn die anderen schreien, sieh zu wie ich lache

Wenn die anderen staunen, sieh zu wie ich erwache

Wenn die anderen fragen, sieh zu was ich entfache

Ich entfache die Flut

Die Flut an Hass, die Flut an Ärger und an der Last

Wird zu einer Flut an Zweifel, sieh was du getan hast

Wird zu Gewissen, wird zu denken, wird zu begreifen

Während die Gedanken sich wenden und abschweifen,

beginnen die anderen vielleicht zu verstehen,

vielleicht sich zu drehen

Mach dir nichts vor, eigentlich ist alles noch viel schlimmer

Ich seh es ein, aber was bringt es, wenn ich wimmer

Wie lange kämpfst du, kannst du es immer?

Nicht mehr lange, und dann schaffe ich es nimmer

Aber wenn du weiter machst, bleibt der Schimmer

Der Hoffnungsschimmer

Die Flut an Hass, die Flut an Ärger und an Rachelust

Verschwindet weiter, wenn du nicht mehr weißt, was du tun musst

Es bleibt die Hoffnung, dass auch nur ein einziger stärker ist,

dass nur einer nicht diese Kraft vergisst,

dann geht es weiter

© 2009 Patricia Radda

„Ihr geht´s jetzt schlechter“ von Patricia Radda

Rauch steigt auf

sie hustet schwer

und keucht nach frischer Luft

sie lässt sich niedersinken,

weiß, sie ist nicht stark genug

und kämpft um jedes Jahr.

So jung muss sie sich schon Gedanken machen

über Viren und Bakterien

über Vermehrung der Falschen

über Hunger und Durst.

Die Narben auf ihrer Haut werden tiefer

sie kann den Schmutz darin fühlen

und wie er sie durchdringt.

Sie hat das Gefühl zu fallen

und will das auch

sie will liegen bleiben

ohne zu kämpfen

Aber zu Vieles würde mit ihr untergehen

Ihre Seele ist noch nicht erledigt

auch wenn es manchmal so aussieht

solange ihr Körper die Kraft hat

sich weiterzudrehen

wird sie weiterleben

Wie viele müssen sterben wenn sie dann

aufgibt