[Hostel] Endlich allein!


Selbstisolation für Introvertierte

Viele Medien haben die (Selbst)isolation als Last beschrieben; etwas, das uns einschränkt und unser Leben auf „Pause“ stellt. Es gibt viele Artikel da draußen über Einsamkeit und den Einfluss auf die mentale Gesundheit. Letzteres ist ein riesiges Problem, und die Auswirkungen können wir noch nicht mal im Ansatz sehen – wie immer bei mentalen Ereignissen.

Was viele Medien aber nicht beschreiben, ist die riesige Erleichterung, die einige Leute – darunter auch ich – gespürt haben. Plötzlich mussten wir nicht mehr mit Menschen reden, mit denen wir nicht reden wollten. So viele unangenehme Dinge sind weggefallen. Hände schütteln, Küsschen-Küsschen, Smalltalk, alles war sehr eingeschränkt. Die Leute schauten sich nicht mehr ins Gesicht. Das heißt für mich, ich musste mich nicht mehr bemühen.

Ich bin ein Mensch, der es anderen Menschen meist leichter machen will. Unter Menschen zu sein ist für mich also immer wahnsinnig anstrengend. Ich versuche, die Menschen um mich herum zufrieden zu stellen und das ist eine undankbare, energiezehrende Riesenaufgabe, die niemals gelingen kann – aber trotzdem muss ich es versuchen. Solange, bis ich nicht mehr kann und mein Hass auf alle Idioten ungehindert an die Oberfläche kommt.

Ich versuche, die Menschen zu lesen, bevor sie überhaupt einen Wunsch äußern. Manchmal gelingt mir das gut, manchmal nicht. Darauf kommt es auch nicht an, Menschen sind für mich anstrengend.

Und jetzt gab es diese zwei, drei Monate, in der ich nicht Veranstalten durfte und auch nicht auf Veranstaltungen gehen durfte. Finanziell war das natürlich furchtbar. Aber für mich als Mensch war es unglaublich erleichternd. Ich durfte zuhause bleiben, ohne die Verantwortung mit anderen Menschen sprechen zu müssen. Ich durfte zuhause bleiben, und vor mich hin arbeiten, so wie ich gerade wollte! ES WAR UNGLAUBLICH SCHÖN!

Natürlich war ich an manchen Tagen schlecht drauf und manchmal war ich auch einsam. Menschen, die alleine leben, uns passiert das ab und zu. Aber ich war so dankbar und glücklich über all die Dinge, die unangenehm und jetzt nicht erlaubt waren. Ich freute mich, wenn ich das Haus verlassen musste! Das ist mir noch nie zuvor passiert. Natürlich freute ich mich manchmal auf bestimmte Veranstaltungen. Oder manche Leute zu sehen, das schon. Aber so richtig: Yeah, ich gehe jetzt raus! Das habe ich noch nie gespürt.

Mein natürlicher Zustand ist Zuhause sein.

Wenn du mich glücklich machen willst, dann lass mich zuhause bleiben!

Als die ersten Lockerungen begannen, war ich unsicher. Ich hatte Angst, dass jetzt wieder alles so anstrengend wird wie zuvor. Die Straßen waren wieder voller Leute, die Straßen stanken wieder nach Autos. Das Rausgehen war nicht mehr so schön wie vorher.

Und da beginnt auch schon mein Problem. Als ich jung war, war ich zu schüchtern, um zu grüßen, wenn ich einen Raum betrat. Ich wollte unbedingt vermeiden, dass die Leute mich wahrnahmen. Ich habe so hart daran gearbeitet, einen halbwegs normalen Umgang mit Menschen zu haben. Tausend Babyschritte und ich war ganz gut im Rennen. Und jetzt? Muss ich wieder von vorne anfangen? Mit dem Unterschied, dass ich eigentlich gar nicht „normal“ sein will. Ich weiß, dass mir mein Leben insgesamt vermutlich leichter fallen würde, wenn ich mich anpasse. Aber das Anpassen ist soo unglaublich anstrengend und wer garantiert mir, dass es funktioniert?

Also wieder: Babysteps.

Als alle um mich herum, sich auf die ersten Auftritte freuten, war ich zurückhaltend. Ja, natürlich ist es schön, wenn man wieder auftreten kann. Aber brauch ich das jetzt? Nein. Brauch ich viele Menschen auf einem Haufen, die auf mich zustürmen und irgendwas von mir wissen wollen? Nein. Das Bewusstsein, dass ich es könnte – mich zusammenreißen – ist da. Ja, natürlich könnte ich es durchstehen. Ja, natürlich könnte ich mein Lächeln aufsetzen und alle Erwartungen erfüllen. Aber ich will nicht. Ich will gerade gar nicht.

Als ich angeboten bekam, irgendwo am Land auf ein Hostel aufzupassen, habe ich sofort ja gesagt. Es klang nach dem, was ich brauchte. Alleine. Viel Platz. Arbeit. Zeit. Manchmal Gäste, auf die man sich schon freuen kann, wenn man dazwischen ein paar Tage nur mit sich selbst geredet hat. Großartig. Genau das, was ich jetzt brauche. Es ist ein angenehmes Zwischenstadium.

Foto: Valerie Maltseva

Und jetzt die 1-Millionen-Euro-Frage: Bin ich einfach nur selbstsüchtig?

Bin ich nur den bequemen Weg gegangen und sollte mich einfach zusammenreißen? Müssen doch alle anderen auch?

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