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Ein ganzes echtes Jahr

Vor etwa einem Jahr habe ich mich zum ersten Mal auf die Bühne getraut. Gut, es war nicht so wirklich ein Trauen, eher ein Zittern. Das ist ja heute noch so, wenn ich einen neuen Text mache.

Die ersten paar Male waren wirklich reine Mutproben, dann begann es langsam Spaß zu machen.

Da ich dort sowieso rede, dachte ich, wir machen das hier mit ein paar Bildern:

Die Fotos wurden logischerweise nicht von mir selbst gemacht, Copyright: MinoritenKlagenfurt Daniel Bruckner, Lit.Picnic aber Roland Sagmeister, alle Fotos von den Toleranzgesprächen Gerhard Kampitsch. Falls ich Fehler gemacht oder jemanden übersehen habe: bitte melden, tut leid, wird ausgebessert.

„Ja, ich will“ von Patricia Radda

 

Um Missverständnisse zu vermeiden, wollte ich dir gleich am Anfang mal sagen, was ich will. Hm-hm.

Ich will dich.

Nein, ich will nicht mit dir gehen, ich will mit dir liegenbleiben. Faulenzen, im Bett,  solange, bis wir einfach nicht mehr liegen können.

Ich will mit dir einschlafen und wieder aufwachen.

Ich will mit dir Wichtiges träumen und Unwichtiges versäumen.

Ich will meine Träume leben und deine Träume beleben.

Ich will, dass wir spazieren gehen. Ich will, dass du meine Hand hältst, auch wenn es Sommer ist und viel zu heiß und wäh. Ich will, dass du zu mir kommst und mich umarmst, einfach so.

Ich will, dass du bezahlst, wenn du schon unbedingt essen gehen willst. Zuhause hätts besser geschmeckt, ich sags nur.

Ich will dir beim Schlafen zuschauen, wenn du so komische Geräusche machst, dass ich nicht einschlafen kann.

Ja, ich will mit dir zusammenziehen.

Ja, ich will kochen, aber du solltest es trotzdem lernen.

Ich will, dass du mir nicht dauernd mit einem blutigen Stück totes Viech vor der Nase herumwedelst. Ich sag dir doch auch nicht, dass du weniger Fleisch essen sollst. Ich rechne dir auch nicht jedes Mal vor, wie viele Pestizide und Antibiotika du dir jetzt gerade einverleibt hast. Warum fragst du mich dann nach meinen Eisen- oder Eiweißwerten? Meine Werte sind immer perfekt, im Gegensatz zu deinen. Und was hast du mit den Scheißproteinen? Wusstest du, dass in Fleisch viel weniger Proteine drin sind als im Sperma?

Ja, jetzt bist still. Entweder du überlegst, aus gesundheitlichen Gründen homosexuell zu werden oder es war die Vorfreude. Ich weiß nicht, aber wenigstens bist du still.

Es macht mir nichts aus, dass du mit einem Messer Essiggurkerln aus dem Glas fischst und dann zwei Stunden später mit genau demselben Messer den frischgebackenen Schokokuchen anschneidest. Macht mir nix aus. Weil: ich liebe Essiggurkerln und Schokokuchen und dich! Das sind halt so Kompromisse. Es wär doch fad, wenns perfekt wär.

Ich will, dass du kochen lernst. Ich will nicht nach 16 Stunden Arbeit, Uni, Arbeit nach Hause kommen und das erste, was ich höre ist: „Und… was gibt’s zu essen?“ Es gibt zu essen, was auch immer du nach deinem lächerlichen sechs Stunden Büroschlaf und zwei Stunden Vorlesungsschlaf in der Lage warst zu besorgen, denn es ist ja wohl das logischste auf der Welt, das der Partner, der zuerst nach Hause kommt, auch mit dem Kochen anfängt, weil sonst alle Beteiligten irgendwann verhungern, verdammt!

Tschuldigung. Ich werd immer so sauer, wenn ich hungrig bin.

Nein, ich will keine lustige Statistik hören. Du studierst Jus, nicht ich. Sobald eine Zahl im Anflug ist, mache ich meine Augen zu und hoffe, dass mir die Zahl nicht bis ins Gehirn folgt.

Ja, ich will, dass du staubsaugst, wenn dich der Dreck stört. Ich bin fast blind, was ist deine Entschuldigung?

Ja ich will, dass du weißt, wo in deiner eigenen Wohnung die Glühbirnen sind. Ja, ich will, dass du lernst, dass man eine E14 Birne nicht in eine E27 Fassung schraubt.

Ja ich will, dass du den Mist runtertragst. Im Hof. Der Schwarze.

Horrorszenario: Ich muss für ein paar Wochen zu meinen Eltern, warum auch immer und ich komme zurück: Die Wohnung ist dunkel, weil du das mit den Glühbirnen nicht hinbekommen hast. Ich rufe dich, du antwortest nicht. Ich hole die Taschenlampe und finde dich: Erstickt unter leeren Pizzakartons, weil du zu blöd warst, um die Altpapiertonne zu finden.

Nein, ich will nicht mit dir gehen. Du willst in die falsche Richtung. Und ich will nicht mal in dieselbe Stadt. Eigentlich will ich weg von dir, egal, wo du hinwillst.

Ich will, dass meine Großmutter aufhört zu fragen, was ich diesmal verbockt hab.

Ich will, dass alle Leute, die ich kenne, sofort aufhören, einen neuen Partner für mich zu suchen.

Ich will in der Mitte vom Bett schlafen.

Ich will essen, was ich will und ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen! und : erst wenn ich hungrig bin.

Ich will die Serien anschauen, die mir taugen.

Ich will egoistisch sein.

So wie der ganze Rest der ganzen Scheiß-Welt.

klagenfurt.februar
Foto-Copyright: https://www.facebook.com/contraluxklagenfurt/

 

Auf mehrfachen Wunsch veröffentliche ich das jetzt. Ich finde, dass es eigentlich ein Text ist, den man sich vorlesen lassen muss, aber hier könnt ihr ihn mal nachlesen. Premiere war Kombüsenslam im Dezember 2015 (seitdem: Minoriten, Ducks, Klagenfurt).

Mein unechtes erstes Mal.

Jetzt ist das natürlich nicht mein erstes Mal. Nicht so ganz. Es war schon ein paar Mal. Aber es ist das erste Mal so freihändig. Gut, ganz freihändig wars auch nicht. Das hab ich mich noch nicht getraut. Aber es hätte glaube ich auch freihändig funktioniert.

Also wie wars im Detail:

Ich stand auf einer Bühne vor einem Mikrofon und habe meinen Text gemacht. Auswendig.

War aufregend. Nicht so aufregend wie mein echtes erstes Mal, aber fast.

Noch dazu kommt, dass ich die „12“ gezogen habe, also die letzte Startnummer. Alle waren vor mir dran und da muss man lange warten. Ewig. Und dann kommt man endlich dran und geht auf die Bühne und kann kaum atmen (wie immer) und ist geblendet von den Scheinwerfern (auch wie immer) und man hält einen Zettel in der Hand (eh wie immer), aber man schaut nicht drauf und dann blinzelt man doch mal hin und ist froh, dass man den Zettel hat, obwohl man eigentlich weiß, dass man den Text sowieso auswendig kann. Und dann ist es eh schon wieder vorbei, weil fünf Minuten sind so undankbar kurz und dann geht man wieder von der Bühne. Und man ist froh, dass man sich wieder getraut hat. Und alle anderen sitzen im Backstageraum und sind halbbetrunken und reden über alles andere nur nicht über Poetry und dann kommt Mieze und sagt, dass hat als auswendig gegolten und dann ist man stolz und froh, dass man es doch gemacht hat (weil eigentlich hätte man ja auch einen lustigen Text vom Zettel ablesen können). Und dann setzt man sich hin und trinkt Wasser und versucht, sich wieder zu beruhigen und Simon und Mario erzählen blöde Geschichten und dann hört man denen zu und vergisst, seine eigene Wertung anzuhören. Und dann ist Pause und man rennt zu seinen Schwestern und die sagen, dass es gut war und dass eine Sieben ausgebuht wurde und die Zehner bejubelt und sie schenken einem ein Fizzers, das sie sich höchst unverdient an den Kopf werfen haben lassen und aus Trotz behalten haben und jetzt mit dir teilen. Und alles ist gut und man kann das Finale genießen. So war mein Fake-Erstes-Mal.

Schaut euch doch mal den Mann an, der sogar von mir  😉 halbwegs anschaubare Fotos machen kann: Daniel Bruckner https://www.facebook.com/contraluxklagenfurt

Mein erstes Mal

Man hat mich überredet. Zu meinem ersten Mal überredet. Aber nur so halb. Weil ich wollte es ja eh schon lange tun. Aber ich hatte Angst. Und jeder, der mich kennt, weiß: ich bin eine feige Sau.

Aber ich hatte zwei Texte, die ganz passabel waren und ich wusste, dass vor dem Slam am Freitag immer ein gratis Workshop stattfindet. Also bin ich hin. Und da war ein chilliger Flo Cieslik, der gefragt hat: Was wollt ihr machen?

Und ich hab gesagt: Ich bin eigentlich zu nervös, um echt auf die Bühne zu gehen. Ich hab zuviel Angst.

Und er: Gut, dann lies mal vor, was du hast.

Ich (innerlich): Aaaah! Nein!

Ich (laut): Äh, na gut.

Deshalb auch das Foto von der Bühne.

Und dann Flo Cieslik, der mich hernimmt und sagt: Der Text ist gut, den machst du heute Abend auf der Bühne. Und dann Christine Teichmann, die mich zu den Moderatoren schiebt und sagt: Da ist jemand, der auch mitmachen möchte.

Und Leute, die dich umarmen, um dir Glück zu wünschen. Und Leute, die dich umarmen, um dich aufrecht zu halten.

Und dann ich auf der Bühne, weil ich Startnummer eins habe. Licht (sonst sieht man nichts). Manchmal lachen. Gut. Und dann ist es ja schon wieder vorbei. Applaus.

Umarmung.

„Geschafft!“

Umarmung.

„Gut gemacht!“

Umarmung.

„Super Text.“

Umarmung

„Du hast eine voll schöne Stimme!“

Umarmung.

Nächster Text und ich kann nicht zuhören. Macht nix, es klingt fad (ENTSCHULDIGUNG, ich weiß nicht mehr was es war). Ich bemühe mich nicht, zuzuhören. Zuviele Gedanken in meinem Kopf, und keinem kann ich zuhören. Eine laute Stimme: „Du hast dich getraut!“ und noch eine Stimme „Niemand, den du kennst, war heute hier. Niemand wird dir glauben!“

So war mein erstes Mal.

Und weil einmal ja keinmal ist, hab ich drei Tage später noch beim Kombüsenslam mitgemacht. Davon gibts keine Fotos, also hat es nie stattgefunden, aber meine Schwester war dabei. Die kanns bezeugen!

Poetry Slam

Unglaublich, dass ich jahrelang fast monatlich im Poetry-Slam-Publikum sitze und noch nie darüber geschrieben habe. Muss sich ändern. Jetzt.

Für alle, die nicht wissen, wovon ich rede:

Die Regeln sind klar: Poeten haben eine Bühne, ein Mikrofon, einen selbstgeschriebenen Text und fünf Minuten Zeit, diesen vorzutragen. Das Publikum klatscht und schreit – oder eben nicht, wenn der Text zu schlecht war. Zusätzlich gibt es bei manchen Salms auch noch Jurytafeln. Die werden vor der Show im Publikum verteilt und dann wird mit Zahlen gewertet. Dann gibt es Sieg nach Punkten- die drei oder vier besten kommen ins Finale. Gewinner*innen erhalten entweder einen Teil des Eintrittspreises, Gutscheine, Essen, eine Flasche wasauchimmer oder was die Veranstalter halt sonst noch so auftreiben konnten.

Für alle anderen:

Poetry Slam lässt mich als Wortmenschen immer wieder sprachlos zurück. Etwa für eine halbe Stunde kann ich gar nichts reden und dann stürzen Worte auf mich ein. Inspiration nennt man sowas glaube ich. Viele Leute gehen raus und reden darüber, wie viele Texte gut oder schlecht waren, ich sage manchmal „mhm“ oder „hm-m“, das war es dann. Ich mach das nicht, ich kann das nicht, denn wenn ich einen Text nicht mag, dann wird der vom Gedächtnis ignoriert. Zu viele Worte drängen sich in meinem Kopf. Habe ich die letzten Jahre kaum „Gedichte“ geschrieben, reimts unter meinen Haaren gerade ziemlich. Egal, was ich schreibe, es drängt sich in einen Sprechrhythmus, der für die Bühne vermutlich nicht schlecht wäre. Jahrelang schaue ich bei Poetry Slams zu und traue mich nicht auf die Bühne. Mein Feiglingsdasein wird sich vermutlich noch einige Zeit hinziehen, aber meine Texte werden auf Papier oder Bildschirm veröffentlicht. Da hat der Slam-Style nun wirklich nichts zu suchen, verdammt. Man nehme nur einmal die Bücher her, die einige Slammer veröffentlicht haben. Da liest man und denkt sich: Hey, eigentlich will ich das gar nicht lesen. ich will das hören und sehen und vorgelesen und performt bekommen. Das ist eher ungut, wenn es einem bei meinen Texten so geht, denn mein mut reicht gerade mal für eine Lesung alle heiligen Zeiten. Während ich mit mir selber kämpfe soll das niemanden davon abhalten, zu Poetry Slams zu gehen und sie zu genießen und zu lachen und zu schreien und zu jubeln und zu klatschen. Und es soll euch natürlich auch nicht davon abhalten, meine Texte zu lesen, obwohl ihr sie – altmodischerweise – noch immer selber lesen müsst.

Poetry Slams gibts übrigens in so ziemlich jeder Stadt, müsst ihr für eure Stadt eben selber suchen. Ich schau meistens dort (wenn auch nur im Publikum):

https://www.facebook.com/SteiermarkPLuS?fref=ts

Für mich zur Zeit (und es ändert sich normalerweise ständig) einer der tollsten Texte ist dieser hier, aber auch für YouTube gilt: einfach suchen.